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„Ich wollte einfach helfen“
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„Ich wollte einfach helfen“

Rosenheimerin Maria Passinha holte sieben Menschen aus der Ukraine

Die Bilder und Nachrichten aus dem Krieg in der Ukraine machen alle fassungslos, erschüttern alle Gewissheiten, auf die wir uns verlassen wollten. Unendliches menschliches Leid mitten in Europa – und die Frage „Was tun?“ stellt sich nicht nur den politisch Verantwortlichen. Für die Rosenheimerin Maria Passinha war die Antwort klar: Nicht warten, einfach helfen.

„Mein Entschluss war mit Kriegsbeginn klar, ich muss etwas tun!“, so die 57-jährige Kfz-Verkaufsberaterin im Rosenheimer Autohaus Vodermayer. Und sie fasste den Plan, einen Hilfstransport mit dringend benötigten Lebensmitteln, medizinischen Gütern und Babynahrung zu organisieren und auf dem Rückweg aus dem Krisengebiet Geflüchtete in Sicherheit zu bringen. „Ich bin wirklich überwältigt, wie groß die Unterstützung aus den unterschiedlichsten Bereichen war!“, erzählt Maria Passinha. Innerhalb kürzester Zeit bekam sie aus dem Freundes- und Bekanntenkreis Spenden, ihr Arbeitgeber stellte für die Fahrt einen Transporter zur Verfügung.

Als eine ganz besondere Fügung stellte sich auch ihre Bekanntschaft mit Astrid Handke, Dekanatsleiterin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland (kfd), heraus. Als diese von dem Vorhaben erfuhr, hat auch sie ihre Kontakte aktiviert und viele Spenden aufgetrieben, mit der der Hilfstransport finanziert werden konnte. Und mit Hilfe von Astrid Handke fand auch eine weitere logistische Herausforderung eine glückliche Lösung: die vorübergehende Unterbringung der geflüchteten Menschen. „Natürlich haben wir uns intensiv Gedanken gemacht, wo wir diese Frauen und Kinder unterbringen können. Gerade in dieser Zeit habe ich einen Ausflug auf die Fraueninsel gemacht und zufällig einen Aushang am dortigen Kloster gesehen, der die Aufnahme Geflüchteter anbot. Ein unglaubliches Geschenk, dass ich genau zu diesem Zeitpunkt diese Mitteilung sah!“ Die Kontaktdaten übermittelte sie sofort an Maria Passinha. Die Abtei der Benediktinerinnen Frauenwörth sicherte sofort ihre Unterstützung zu, die Unterbringung war gesichert. Am Dienstag, 15. März, machte sich Maria Passinha, selbst kfd-Frau in Kolbermoor, mit einem voll beladenen Transporter auf den Weg an die ukrainisch-ungarische Grenze.

„Ich habe vorher Kontakt mit den Maltesern aufgenommen, die dort vor Ort einen Hilfsstützpunkt eingerichtet haben. So wusste ich genau, welche Güter dringend gebraucht werden“, so Maria Passinha. Ganz bewusst hat sie sich entschieden, alleine zu fahren: „Jeder Platz, der frei ist, sollte genutzt werden, um flüchtende Menschen zu retten!“

In der Nacht erreichte sie das Grenzgebiet, die Situation unübersichtlich und gefährlich: „Das Navigationssystem funktionierte nicht mehr, kein Handyempfang, und an der Grenze wurde ich mit vorgehaltenen Maschinengewehren zur Umkehr gezwungen.“ Doch Maria Passinha gab nicht auf, über Umwege und Landstraßen, in Dunkelheit, Schnee und Nebel erreichte sie doch noch das Hilfscamp der Malteser: „Es hat mich so berührt, mit welcher Dankbarkeit und Herzlichkeit ich hier aufgenommen wurde! Die Malteser leisten eine unglaublich wertvolle Arbeit in dieser furchtbaren Kriegssituation.“ Nach dem Entladen des Transporters und einer kurzen Nachtruhe brach Maria Passinha wieder auf in Richtung Deutschland, gemeinsam mit drei Frauen und vier Kindern, vom Kleinkind bis ins Teenageralter. Zuvor hat sich der bestens organisierte Hilfsdienst noch um die wichtige Dokumentation und die Kontrolle der Personalien gekümmert: Wer fährt bei wem in Richtung Westen in Sicherheit, diese Fragen müssen geklärt sein zur Sicherheit der Geflüchteten.

„Man muss sich das vorstellen, diese Frauen und Kinder sind nur mit zwei kleinen Trollys, schwerst traumatisiert und erschöpft an der Grenze angekommen. Dazu kommt noch die Sprachbarriere. Deshalb habe ich mir von einer Bekannten auch auf ukrainisch einige Informationen zu mir und meinem Anliegen aufsetzen lassen, um den Geflüchteten einigermaßen Sicherheit vermitteln zu können“, so Maria Passinha.

Bei der Rückfahrt überkam die drei Frauen und vier Kinder die Erschöpfung, kaum eingestiegen schliefen sie ein. Bei einer Raststation, an der die Reisenden endlich wieder etwas Warmes essen wollten, kam für die Geflüchteten dann der nächste schwere Schlag, mit dem sie nicht gerechnet hatten: Eine der ukrainischen Frauen wollte Maria Passinha als Dank für ihre Rettung zum Essen einladen. Doch die mitgenommenen Kredit- und Bankkarten funktionierten nicht; übrigens ein Problem, mit dem viele Geflüchtete aus der Ukraine zu kämpfen haben, ebenso wie mit dem Umtausch von Bargeld ihrer Landeswährung in Euro.

Nach über zehn Stunden Fahrt erreichte Maria Passinha in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag das Ufer des Chiemsees: „Der Bürgermeister der Fraueninsel Armin Krämmer hat sich bereit erklärt, zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit zustehen und uns mit dem Boot überzusetzen. Und er wartete bereits auf uns.“ Doch kurz vor dem Ziel drohte die Situation nochmals zu kippen: „Mitten in der Nacht, ein unbekanntes Land, fremde Stimmen, und dann tauchte am Ufer plötzlich ein Mann, der Bürgermeister, aus dem Nebel auf. Die Frauen und Kinder waren so erschrocken, dass sie sich zunächst weigerten, in die zwei Boote in Richtung unbekanntes Ziel zu steigen.“ Erst als Maria Passinha auch zustieg und die Geflüchteten auf der letzten Etappe ihrer Flucht weiter begleitete, konnte die Fähre übersetzen.

Die Ordensfrauen, so Maria Passinha, haben sich um ihre sieben Gäste einfühlsam gekümmert und ihnen so Gelegenheit zum Kraft und Mut schöpfen gegeben: „Die Schwester Scholastika koordiniert die Unterbringung und betreut die Flüchtlinge unermüdlich und ganz hervorragend.“

Fast zwei Wochen ist es jetzt her, dass Maria Passinha wieder nach dieser unbestritten gefährlichen und anstrengenden Hilfsfahrt zuhause angekommen ist. Ihre Rückschau ist geprägt von Dankbarkeit für die unglaublich große Hilfsbereitschaft, vom Arbeitgeber, der das Auto zur Verfügung gestellt hat bis hin zu den Spenden aus ihrem Umfeld und von der kfd: „Ich konnte einfach nicht anders, ich musste helfen angesichts des ungeheueren Leids und Elends, das dieser Krieg über die Menschen in der Ukraine bringt!“ ff

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