Die Zahl der von psychischen Erkrankungen Betroffenen steigt stetig.

Wenn die Zeit drängt

10.10.2017 • Aktuelles, Landkreis Rosenheim, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Krisendienst Psychiatrie für Stadt und Landkreis Rosenheim als wichtige Hilfe

Bereits 100 Tage nach seiner Einführung am 1. Februar dieses Jahres konnte der telefonische Krisendienst Psychiatrie für Stadt und Landkreis Rosenheim sowie die Landkreise Mühldorf und Traunstein 111 Einsätze verzeichnen. Einsätze, bei denen es manchmal um Leben und Tod gehen kann.

Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt stetig. Experten gehen davon aus, dass in Deutschland mittlerweile jeder Dritte im Laufe seines Lebens von akuten oder chronischen psychischen Problemen betroffen ist. Die Tendenz geht dahin, dass es in absehbarer Zeit jeden Zweiten treffen kann. Doch nicht nur selbst Betroffene brauchen Hilfe. Oft leiden die Angehörigen und Freunde mit und brauchen dringend Hilfe, um Lösungen für die Probleme zu finden.

Die Gründe für die Probleme sind vielfältig. Sie reichen von frühkindlichen Traumata über Gewalt in der Familie, vom zu hohen Druck im Berufsleben, dem mancher nicht standhält, bis zu Suchtproblematiken aller Art.

Der psychiatrische Krisendienst bietet eine wichtige Anlaufstation, die von 9 bis 24 Uhr erreichbar ist und im Notfall sofortige Hilfe vor Ort bietet. Sie kann mit geschultem Personal Sofortmaßnahmen in die Wege leiten, Termine für Beratung und Behandlung vereinbaren aber auch Trost spenden und wichtige Tipps geben. Auch die Angehörigen stehen oft vor schier unlösbar scheinenden Problemen: Der Betroffene will oder kann sich nicht helfen lassen, die Umstände werden für alle Beteiligten immer unerträglicher und die mittelbar Betroffenen sind mit ihrer Situation überfordert. Was tun, wenn Krisen eskalieren, wenn Suchtproblematiken nicht selbst bekämpft werden können, wenn Betroffene Suizidgedanken äußern? Oder auch, wenn Kinder sich zu zunehmend verschließen, Anhängigkeit von Internet und Computerspielen droht? Zwar sind die Hilfsangebote vorhanden und relativ vielfältig, doch auch für die Angehörigen bedeutet es eine große Überwindung, sie anzunehmen und nicht leicht, das Angebot zu überblicken. Auch bei ihnen ist es meist die akute Eskalation, die sie sofortige Hilfe suchen lässt.

Hier kommt der Psychiatrische Krisendienst ins Spiel. Er steht für schnelle, wohnortnahe und unbürokratische Hilfe für Menschen in seelischen Notlagen und deren Angehörige.

Dabei geht es meist um Krisen, die durch anhaltende familiäre und berufliche Konflikte ausgelöst wurden oder Notlagen, deren Ursache eine Depression oder Psychose war oder bei denen Gewalterfahrungen oder Unfälle für eine Zuspitzung sorgten. In der Leitstelle arbeitet ein Team aus erfahrenen, speziell in Krisenhilfe geschulten Fachkräften unter fachärztlicher Leitung zusammen.
Der Bezirk Oberbayern finanziert den Krisendienst Psychiatrie mit rund 7,4 Millionen Euro pro Jahr. Derzeit wird das Angebot in Zusammenarbeit mit der freien Wohlfahrtspflege aufgebaut.
Gerade die ständige Erreichbarkeit war eines der Hauptargumente für die Einrichtung des Krisendienstes. Im akuten Fall, zum Beispiel bei einem angedrohten Suizid, kann er Leben retten, indem Kräfte rechtzeitig vor Ort geschickt werden um das Schlimmste zu verhindern. Auch ist das Zeitfenster, in dem sich Betroffene helfen lassen wollen und können oft sehr begrenzt. Die Bereitschaft, sich von seiner Sucht zu lösen oder unerträglich gewordene seelische Probleme behandeln zu lassen ist nicht selten eine Augenblicksentscheidung, die eine Stunde später schon wieder verdrängt sein kann. Hier kann der Krisendienst wichtige Soforthilfe leisten, Maßnahmen in die Wege leiten, die der Betroffene ansonsten nur mit Hilfe langwieriger Behörden- und Arztgänge treffen könnte, für die er nicht die langfristige Kraft und den Mut hätte. Diese entscheidenden Augenblicke verpasst, wer keine Anlaufstation hat, die ihm mit fachlicher Hilfe sofort die Aussicht auf eine Besserung seiner Lage geben kann.
Auch die Stigmatisierung von Menschen mit seelischen Problemen ist ein Hinderungsgrund, Hilfe im Verwandten- und Bekanntenkreis, aber auch im Betrieb zu suchen. Obschon die auch von der Bundesrepublikangenommene UN-Behindertenkonvention von 2006 auch die Integration psychisch Kranker fordert und fördert, ist es schwierig, weit verbreitete Ansichten und Vorurteile aus den Köpfen der Menschen zu bekommen. Die uralte Angst vor der Gefahr des Fremden, Unbekannten, scheint der Motor zu sein, auch Menschen mit psychischen Problemen auszugrenzen. Die Folgen bei Bekannt werden solcher Erkrankungen reichen von Schwierigkeiten am Arbeitsplatz über die Wohnungssuche bis zum Fehlen des Verständnisses oft engster Angehöriger.
Eine Leserin machte uns auf die enorm positiven Auswirkungen des Krisendienstes aufmerksam und belegte dies auch mit einem selbst erlebten Beispiel: Selbst unweit einer der beiden Rosenheimer Tagesstätten, betrieben von der Caritas und der Diakonie, wohnend traf sie an einem Wochenende auf der Straße davor einen Hilfe suchenden regelmäßigen Besucher der Einrichtung. Am Wochenende sind die Einrichtungen jedoch nicht besetzt, so dass sie beim Krisendienst anrief, und ein Telefongespräch vermitteln konnte. Die Berater des Krisendienstes konnten dem Verzweifelten zeitnah einen Termin zur weiteren Beratung anbieten. Hilfe, die einen Tag später vielleicht zu spät gekommen wäre.
Die Vielzahl der schon in den ersten Monaten des psychiatrischen Krisendienstes eingegangenen Anrufe zeigt eindringlich, dass die Hilfe benötigt wird und auch in Zukunft noch verstärkt ausgebaut werden muss. nu

 

 

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