Wege zum Gedenken

21.07.2015 • Aktuelles, Nachrichten

Große Einigkeit herrscht in Rosenheim darüber, dass der in der Innstadt ehemals ansässigen Opfer der Nazi-Herrschaft von 1933 bis 1945 in einer angemessenen und würdigen Form gedacht werden soll. Auch die in vielen Städten in die Gehwege verlegten „Stolpersteine“ spielen in den Überlegungen der Stadtverantwortlichen eine Rolle. Eine Rosenheimer Initiative spricht sich dafür aus, doch es gibt auch Gegenstimmen, die Zweifel an dieser Form des Gedenkens haben. Eine Expertenkommission unterrichtete über die Standpunkte in einer Sondersitzung des Rosenheimer Stadtrats.

„Wegschauen geht nicht mehr“, leitete Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer die Sitzung ein. Sie verwies auf die seit Ende der 80er-Jahre mit etlichen Veröffentlichungen und Ausstellung bisher geleistete Aufarbeitung. Nun solle die wichtige Entscheidung über das Gedenken im öffentlichen Raum offen und ohne theoretische Überfrachtung diskutiert werden.
Über 50 000 der von Künstler Gunter Demnig konzipierten, mit den wichtigsten Lebensdaten der Ermordeten versehenen Messingsteine wurden in über 500 Städten Deutschlands und in mehreren anderen Ländern bisher verlegt. Vehement und eloquent vertrat in der Stadtratssitzung Terry Swartzberg von der Initiative „Stolpersteine für München e.V.“ das Konzept. Ein „Heureka-Erlebnis“ sei seine erste Begegnung mit einem der Steine vor sieben Jahren gewesen: „Die Shoa hatte damit ihre Abstraktheit und Irrealität verloren“. Zweiflern riet er zu einem Besuch von Städten wie Passau oder Regensburg, um dort die positiven Effekte der „Stolpersteine“ zu studieren. In einer schriftlichen Stellungnahme legte auch Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Wert darauf, dass das Gedenken auch dort stattfinden solle, wo jüdisches Leben stattgefunden hat, nämlich in den Städten.

Professor Dr. Edgar Wolfrum, Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, wies auf die politische und soziale Bedeutung von Erinnerung hin. Er führte den Wandel von der Erinnerungskultur des „Vergebens und Vergessens hin zum Schulddiskurs vor Augen, wie er sich auch in anderen Ländern vollzogen habe, zum Beispiel in Großbritannien hinsichtlich des Kolonialismus.
Einig waren sich alle Beteiligten, dass die Vergangenheitsaufarbeitung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beispielhaft funktioniert habe. Nun, in der mittlerweile vierten Nachkriegsgeneration und angesichts der Tatsache, dass Zeitzeugen immer weniger werden, gelte es neue Wege einzuschlagen. Die Rosenheimer Historikerin Dr. Isabel Leicht, die zum Thema „Erinnerungskultur nach dem Zweiten Weltkrieg am Beispiel von Rosenheim und Penzberg“ promovierte, machte auch anhand des Denkmals für die Opfer des Kriegs in Rosenheim deutlich, wie leicht die Intention zentraler Denkmäler in Vergessenheit geraten kann – und letztendlich die Denkmäler selbst. „Nichts ist so unsichtbar wie ein Denkmal im öffentlichen Raum, zitierte Dr. Leicht den Schriftsteller Franz Musil. „Stolpersteine können niemals ein Schlusspunkt sein, sondern im besten Sinne „Steine des Anstoßes“, so Dr. Leicht, weiters sei ein Konzept städtischer Erinnerungskultur nötig, um die Bevölkerung einzubinden.
Aaron Buck, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sprach in Vertretung der Vorsitzenden Dr. Charlotte Knobloch. Er brachte die großen Bedenken zur Sprache, die innerhalb seiner Organisation gegen die „Stolpersteine“ herrschen, und die auch für großen Diskussionsstoff in München und Augsburg sorgen. Auch für Buck steht außer Frage, dass ein würdevolles personalisiertes Gedenken äußerst wichtig sei. Die Form der „Stolpersteine“ hingegen würden dies unmöglich machen: „Menschen können nicht in die Mitte der Gesellschaft zurückgeholt werden, durch die Verlegung der Steine im Straßendreck.“ Erinnerungen, wie Menschen am Boden liegend gequält und ermordet werden, assoziiert er mit dieser Form der Erinnerung. Zudem gehörten seiner Ansicht nach „Stolpern und Gedenken nicht zusammen“. Die Inschrift auf den nur zehn mal zehn Zentimeter großen Steinen aus Messing sei außerdem zu verkürzt, die betroffenen Opfer verdienten mehr als das. Letzten Endes befürchtet Buck auch, dass ein „kommerzielles Kunstprojekt mit individuellen Zielen Einzelner“ entstanden sei. Sein Wunsch, den er auch im Namen der Kultusgemeinde vorbrachte, sei ein „Gedenken auf Augenhöhe“ mit Gedenktafeln an den Wänden der ehemaligen Wohnorte der Opfer. Diesen steht allerdings möglicherweise die Genehmigung des Hauseigentümers im Weg – ein Grund, warum die Idee zu den „Stolpersteinen“ überhaupt aufkam.
Die Forderung der Initiative „Erinnerungskultur – Stolpersteine für Rosenheim“ nach einer breiten Diskussion um die etwa 20 in Rosenheim infrage kommenden Steine dürfte sich erfüllen, wenn man die zahlreichen Nachfragen der Stadträte an die Kommission betrachtet. Unterstützung erfährt die Initiative, die sich hauptsächlich aus interessierten Mitgliedern des Historischen Vereins und des Vereins „Gesicht zeigen“ gebildet hat. Sprecher Dr. Thomas Nowotny sieht die Bedenken von Charlotte Knobloch und anderen nicht, solange als oberste Priorität die Wünsche der Angehörigen respektiert werden. Die Begegnung mit einem „Stolperstein“ löse zwangsläufig eine Verbeugung vor dem Opfer aus, die mitten in der Alltagstätigkeit zum Nachdenken und Gedenken bringt. Bodendenkmäler seien, zum Beispiel in katholischen Kirchen, keine Seltenheit. Die Möglichkeit der Verunglimpfung und Schändung bestünde in jeder Form eines Denkmals. Diese Gefahr – laut Terry Swartzberg wird nur ein minimaler Prozentsatz der bisher verlegten „Stolpersteine“ mutwillig beschädigt – würde von den positiven Merkmalen mehr als aufgewogen. Dr. Nowotny zeigt sich zuversichtlich, dass es zu einem würdigen Gedenken kommt, selbst wenn es nicht die „Stolpersteine“ wären: „Polarisierung bringt uns nicht weiter, alle großen Parteien sind an einer Lösung interessiert.“ Robert Nusser

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