Vieles ist noch möglich

22.09.2020 • Aktuelles, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Projekt „Autoschrauberei“ im Tagespflegehaus Johanna in Rosenheim

Ein jeder ist anders, hat individuelle Vorlieben, Begabungen und Erfahrungen. Und das gilt selbstverständlich auch für Menschen mit demenziellen Erkrankungen. Je nach Krankheitsphase können sie immer weniger ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen. Doch das muss nicht heißen, dass es keine Aktivitäten mehr gibt, die ihnen Vergnügen bereiten, ihr Selbstbewusstsein stärken, und Teilhabe an der mitmenschlichen Gesellschaft ermöglichen.

Ortstermin im Tagespflegehaus „Johanna“, das die Nachbarschaftshilfe Rosenheim e.V. betreibt. In der kleinen, persönlichen Einrichtung werden bis zu 17 an Demenz erkrankte Männer und Frauen stundenweise liebevoll betreut. Das bedeutet wichtige Auszeiten für die Angehörigen vom oftmals sehr belastenden Pflegealltag zuhause. Seit kurzer Zeit steht im Garten der Einrichtung ein Auto, auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich. Doch dann ergreift Volker Bebensee, der für das Projekt „Autoschrauberei“ verantwortlich zeichnet, die Initiative. „So, wir müssen jetzt beim Auto die Reifen wechseln. Wer will mir dabei helfen?“, fragte er die acht Seniorinnen und Senioren, die gerade auf der Terrasse der Einrichtung sitzen. Dieses Mal ist Herr Huber (Name von der Redaktion geändert), mittelschwer an Demenz erkrankt, dabei. Geschickt löst er die Schrauben, zieht das Rad ab und montiert das neue. Volker Bebensee ist selbstverständlich immer an seiner Seite, motiviert und kann auch bei Bedarf unterstützen. „Ich habe meine Reifen immer selbst gewechselt“, erzählt Herr Huber. Und merkt fachmännisch an: „Der Reifen hat aber viel zu wenig Luft!“. Genau das ist es, so Volker Bebensee, was dieses Projekt unter anderem so wertvoll macht: „Bei der Autoschrauberei können unsere Gäste Fertigkeiten auffrischen, die sie fast ihr ganzes Leben lang ausgeübt haben. Eine wichtige Erfahrung für sie!“ Der VW Golf ist übrigens nicht nur bei den männlichen Gästen eine Attraktion. Gemeinsam mit interessierten Damen wurde das Fahrzeug unter anderem bereits gründlich sauber gemacht.

Und dabei entstehen viele angeregte Gespräche, berichtet Volker Bebensee, der in der Regel einmal wöchentlich die „Autoschrauberei“ anbietet. „So sah mein Auto auch aus“, „Wir sind mit einem VW in den Urlaub nach Südtirol gefahren“ oder „Ein ähnliches Auto haben wir unserem Sohn geschenkt“ – bei vielen Gästen des Tagespflegehauses, zu deren Krankheitsbild eigentlich das Vergessen gehört, löst dieser Wagen eine Fülle an Erinnerungen aus.
Möglich gemacht hat dieses Projekt eine großzügige Geldspende des Lions Club Rosenheim. Damit konnte nicht nur das Fahrzeug angeschafft werden, sondern auch ein großer Werkzeugkasten, ein sicherer Wagenheber und zusätzliche Ersatzteile. Einen wertvollen Beitrag zur Realisierung leistete auch die Autowerkstatt von Rudolf Gründler, der das Fahrzeug kostenlos technisch vorbereitet, mit mehr Ersatzteilen ausgestattet und zur Einrichtung gebracht hat.
Die Ideen gehen dem Team vom Tagespflegehaus Johanna auch in der nächsten Zeit nicht aus. Geplant sind für die nächsten Monate eine Sitzbank neben dem Auto sowie eine vielseitig einsetzbare Holzhütte, in der während der Adventszeit Punsch oder gebrannte Mandeln angeboten werden können. Das Team im Tagespflegehaus ist sich sicher, dass auch diese neuen Einrichtungen bei den Gästen Gefallen finden werden: „Bei allen Einschränkungen, die sich bei einer demenziellen Erkrankung einstellen; es ist vieles noch möglich, und es gibt noch manch Schönes zu erleben!“ ff

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