Viel Arbeit schützt vor Armut nicht

11.12.2013 • Aktuelles, Landkreis Rosenheim, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Armut kann (fast) jeden treffen – Geringverdiener sind besonders gefährdet

Der aktuelle Armutsbericht der Arbeiterwohlfahrt macht deutlich: Armut betrifft auch im reichen Bayern immer mehr Menschen. Derzeit sind es in unserem Bundesland 1,6 Millionen Menschen, die weniger als 892 Euro im Monat zur Verfügung haben für Essen, Wohnung, Kleidung, Strom und Heizung. Kinobesuch und Weihnachtsgeschenke sind bei diesem Budget meist gar nicht möglich – und das, obwohl viele dieser Menschen, die heute als arm bezeichnet werden, ihr Leben lang gearbeitet haben. Auch bei uns gibt es Armutsrisiken, die jeden treffen können, so Christian Meixner, Leiter des Rosenheimer Sozialamtes. Seine Behörde versucht zu helfen, wo es geht, damit Armut nicht zur Ausgrenzung führt.

2 200 Einzelentscheidungen hat das Rosenheimer Sozialamt in diesem Jahr bearbeitet. Für die nächsten Jahre sieht Meixner keine Entspannung. Ganz im Gegenteil: „Die Erwerbsbiografien ändern sich zum Negativen, “ so Meixner. Durch die vielen Minijobs wird die Grundsicherung im Alter oft nicht mehr erreicht. Das heißt, auch derjenige, der sein Leben lang gearbeitet hat, kann im Alter sein Leben nicht allein finanzieren.

Auch die Entwicklung bei den Beziehern von Hartz-IV-Leistungen führt nicht zur Entwarnung. Auf der einen Seite sinkt die Zahl derer, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II beziehen, zum anderen steigt die Zahl der sogenannten Aufstocker. Es gibt also mehr Beschäftigung, aber trotzdem mehr Armut.

Damit Kinder nicht unter der finanziellen Not ihrer Familie leiden, gibt es das gut genutzte Teilhabe- und Bildungspaket. Darin sieht Meixner eine große Chance. Bedürftige Kinder und Jugendliche haben einen Rechtsanspruch aufs Mitmachen – bei Tagesausflügen und dem Mittagessen in Kita, Hort und Schule, bei Musik, Sport und Spiel in Vereinen und Gruppen. Das Bildungspaket der Bundesregierung unterstützt gezielt Kinder und Jugendliche bis 25 Jahre, deren Eltern leistungsberechtigt nach dem SGB II sind (insbesondere Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld),

Leistungen nach Paragraf 2 AsylbLG, Sozialhilfe, den Kinderzuschlag oder Wohngeld beziehen. Auch wer Leistungen nach Paragraf 3 AsylbLG bekommt, kann einen Anspruch auf das Bildungspaket haben.
Mit dem Bildungspaket können Lernmaterialien und Beförderungskosten bei Besuch einer weiterführenden Schule bezuschusst werden.

Eine qualifizierte Lernförderung wird ermöglicht, wenn Kinder und Jugendliche in der Schule nicht mehr mitkommen. Keine Klassenfahrt muss mangels Geld verpasst werden. Das ist ein großer Schritt zu mehr Motivation, mehr Bildung und mehr Chancen für ihre Zukunft, so Meixner. Der Sozialamtsleiter ist froh, dass diese Maßnahme so gut angenommen wird – und wenn es manchmal ein wenig kompliziert ist mit der Antragstellung, dann hilft seine Behörde weiter.

Christian Meixner versucht, seine Behörde so hilfreich wie möglich zu organisieren. Das Rosenheimer Sozialamt bekommt deshalb auch immer wieder von den Betroffenen gute Noten. Erst kürzlich lobte eine der Asylbewerber-Patinnen das große Entgegenkommen der Behörde. Hier werde mit Herz und Verstand gearbeitet, so die Aussage.

„Leibspeise“ auch am Heiligen Abend

Ebenfalls mit Herz und Verstand setzt sich in Rosenheim im Happinger Stadtteil Peter Kaiser ein. Sein Projekt heißt „Leibspeise“ und garantiert Bedürftigen die Versorgung mit Nahrungsmitteln und einmal im Monat ein gemeinsames warmes Essen. Auch am Heiligen Abend wird hier gemeinsam gefeiert. Es gibt ein Festessen, eine Andacht, kleine Geschenke und viel Unterhaltung. Wer daran teilnehmen möchte, kann sich gern anmelden unter Telefon 0 80 31/9 00 33 27.

Um diese Arbeit für Bedürftige aufrecht erhalten zu können, braucht die „Leibspeise“ selbst dringend Geldspenden – wie die meisten anderen ehrenamtlichen Helfer auch. Miete und Transport der Waren lassen sich sonst nicht länger bewerkstelligen. Wer hier helfen möchte, ist herzlich willkommen.

Peter Kaiser weiß: „Viele Menschen gehen aus Scham nicht zum Amt – andere können aus Krankheitsgründen nicht Vollzeit arbeiten, sehnen sich aber nach einer Chance.“ Bei „Leibspeise“ bekommen sie die Möglichkeit, langsam wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren. Als sogenannte Ein-Euro-Jobber fassen sie hier wieder Fuß und gewinnen an Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung. Das Jobcenter in Rosenheim weist nun regelmäßig Mitarbeiter zu, denen bei „Leibspeise“ geholfen wird. Einsamkeit nehmen, Bedürftigkeit lindern, Unterstützung leisten, ist hier das Motto.
Der Sozialreport bestätigt: Die Armutsgefährdung steigt. Wer Armut im Alter vermeiden will, muss für ordentlich bezahlte Arbeit und gute Arbeitsbedingungen sorgen“, fordert Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, und weiter: „Die aktuellen Zahlen der Studie machen sehr deutlich, dass Armut in Deutschland ein akutes Problem ist und nicht mehr wegdiskutiert werden darf. Insbesondere Altersarmut ist kein Randproblem. Deshalb muss die Vermeidung und Bekämpfung von Armut ganz nach oben auf die politische Tagesordnung“, mahnt Mascher. Wünschenswert wäre ohne Frage, dass auf viel Arbeit auch ein Auskommen im Alter folgen würde.  Petra Maier

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