Ein bajuwarisches Dorf. Foto: Werner Krämer

Der „sanfte Krieger“ Habbo gründete Happing

30.05.2017 • Aktuelles, Kultur, Stadt Rosenheim

Blick in 1000 Jahre Geschichte, erster von vier Teilen

Das einstmals kleine unbedeutende Bauerndörflein Happing am unteren Wasen, das Jahrhunderte ein kaum beachtetes Eigenleben, abseits der Verkehrswegs führte, hat sich vor allem in den letzten Jahrzehnten zum einwohnerreichsten Stadtteil von Rosenheim entfaltet. Die Erhebung einst zur Gemeinde Happing gehörenden Wallfahrtskirche Heilig Blut zur Pfarrei erfolgte vor 60 Jahren. Zehn Jahre später, also vor 50 Jahren, ließen sich die Bürger der Landgemeinde Happinger freiwillige in die kreisfreie Stadt Ro-senheim eingliedern und heuer erinnern sich die Happinger an die erste urkundliche Erwähnung ihres Orts, vor 1000 Jahren in einem Urbar des Klosters Tegernsee vom Jahr 1017.

Wenden wir uns dem Wort „Häpping“ zu. Die Punkte auf dem a stehen nach alter Schreibweise nicht für ein ä, sondern für ein überhelles a, wie beispielweise bei dem Wort Achse. Die „ing(a)“-Orte entstanden durch die Bajuwaren, im 5./6. Jahrhundert. Daher darf man die Niederlassung der Sippe des Habbo zu den ältesten in unserer Gegend rechnen. Den alten Ansiedlungen wurde der Sippenname mit der Endung „inga“ gegeben. Es ist anzunehmen, daß „Happinga“ (so nannte man das Dorf) ziemlich zeitgleich mit den Nachbar-Wasenorten Pang (Painga) 752 und Aising (Agusinga) 778, gegründet wurde. Einen schriftlichen Nachweis dafür gibt es aber erst aus dem Jahr 1017.

Dieser „ing“-Theorie zufolge, darf man sich für unsere Gegend im frühen Mittelalter (5. bis 10. Jahrhundert) und Anfang des Hochmittelalters (11. bis Mitte des 13. Jahrhunderts), eine Fronwirtschafts-form vorstellen, die man „Villikation“ nennt.
Der Fronhofherr besaß Land in unserer Gegend, mit mehreren oder auch vielen Höfen, die wir heute als Hütten bezeichnen würden. Die „Hufen“ wurden von Leibeigenen (Unfreien) bewirtschaftet, die über ihr Land nicht selbst verfügen durften. An der Spitze der Villikation stand ein Meier (bairisch Moar), den der Grundherr beauftragt hatte, die landwirtschaftlichen Belange den „servi“, den unfreien Bauern, gegenüber zu bestimmen und Abgaben zu sammeln, die der „Moar“ dem Grundherrn zu übergeben hatte. Außerdem musste er Fronarbeiten zusammenstellen und verteilen.
Im Laufe des 12. Jahrhunderts löste man die Villikation auf und wandelte die Wirtschaftsform in eine Zinshofverfassung um, mit der sich die neue Chronik von Happing befasst.
Ungefähr seit dem 13. Jahrhundert verlehnte eine Grundherrschaft als Obereigentümer Höfe an sogenannte Hintersassen, die von ihr Leibgedingsgerechtigkeit verliehen bekamen und somit berechtigt waren, lebenslang die Anwesen landwirtschaftlich zu nutzen. Dafür mussten sie Abgaben leisten. Diese Art Gerechtsame war zunächst auf ein Jahr begrenzt, wurde aber oft über Generationen verlängert. Hierfür hatte der Grundholde, beziehungsweise Hintersasse, um Verlängerung nachzusuchen. Dann gab es noch eine „Willensgerechtigkeit“, die meistens für Handwerker ausgesprochen wurde und so lange dauerte, wie dieser seiner „Profession“ nachging.
Die klösterlichen Grundherrschaften finden sich überliefert in deren Archivalien, zum Beispiel Tegernsee, Herrenchiemsee, Beyharting, St. Peter am Madron, Rott am Inn, Attel, Frauenchiemsee und zuletzt noch Seeon. Diese Abteien und Stifte behielten, außer Tegernsee und Weyarn, ihre Höfe bis zur Säkularisation anno 1803.
Die adeligen Grundherren in dem Dorf Happing, die zahlreich vertreten waren, sowie Obereigentümer, wie Kirchen und das churfürstliche Kastenamt des Pflegegerichts Aibling, werden bei den Hofbeschreibungen ausführlich erwähnt. Selbst Bürger und Bauern konnten als Grundherrn auftreten. Einige von ihnen begaben sich in Abhängigkeit einer höheren Institution, da sie sich dort einen größeren Schutz versprachen. Die Klosterbauern unterstanden juristisch der Obhut des regieren-den Fürsten. Dafür mussten sie sogenannte Vogteiabgaben entrichten.
Ein kurzer Ausflug in die Frühgeschichte Baierns ist hier angezeigt: Die aus dem Fränkischen stammenden Agilolfinger waren sehr fromm. Sie gründeten Klöster und unterstützten sie mit Schenkungen. Die Besitzungen des um 760 gegründeten Klosters Tegernsee (Tegaro seo = der große See) reichten auch bis zum Inn. Nach Absetzung des Agilolfingerherzogs Tassilo III. durch Karl den Großen, 787, eigneten sich die fränkischen Karolinger bis 911 das gesamte Gebiet des entmachteten Baiernherzogs an. Nach dem Tod des letzten ostfränkischen Karolingers „Ludwig das Kind“ (893 – 911) folgte ihm der Luitpoldinger Arnulf. Dieser benötigte für seine Kriege gegen die Ungarn (907) viel Geld. Eine große Zahl Baiern kam in der Schlacht bei Preßburg ums Leben. Arnulf entmachtete die Klöster und zog deren Besitzungen ein. Die enteigneten Güter verlehnte Arnulf „der Böse“, wie er von den Patrese genannt wurde, an seine Vasallen und Mitstreiter. Von ihren ursprünglich „12 000 Hufen“ verblieben dem Kloster Tegernsee nur noch 114. Werner Krämer

Wer mehr über die interessante Entwicklung des einstigen Dörfleins zum bevölkerungsreichsten Stadtteils von Rosenheim wissen möchte, dem wird die neu erschiene Chronik „1000 Jahre Happing“ empfohlen. Sie ist ab 9. Juni im Happinger Bürgerhaus, Happinger Straße 83, 83026 Rosenheim, Städtisches Museum im Mittertor, beim Historischen Verein und Stadtarchiv Rosenheim, beide Reichenbachstraße 1a und beim Heimat und Historischen Verein Pang, Schulweg 6, 83026 Rosenheim-Pang erhältlich.

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