Massenversammlung auf dem Ludwigsplatz.

Rosenheim und die Revolution

10.07.2018 • Aktuelles, Kultur, Stadt Rosenheim

Blick zurück auf die Jahre 1918 und 1919

Gleich zwei besondere Jubiläen laden heuer die bayerischen Bürgerinnen und Bürger zu einer Rückschau auf die Geschichte ihres Landes ein: Im gesamten Bundesland wird unter dem Motto „Bayern feiert“ mit vielen Veranstaltungen und Ausstellungen an 200 Jahre Verfassung und 100 Jahre Freistaat erinnert (wir berichteten).

Ein Blick in die Rosenheimer Stadtgeschichte zeigt, dass die Geschehnisse 1918 und 1919, Ausrufung des Freistaates Bayern durch den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, seine Ermordung wenige Monate danach, die anschließenden beiden Räterepubliken sowie die blutige Konterrevolution in München, auch in Rosenheim ihren Niederschlag fanden.

Die Chronisten berichten in diesem Zusammenhang zunächst von einem friedlichen und ruhigen Übergang vom Königreich Bayern zum „Volksstaat“ in Rosenheim. Bei einer großen Kundgebung am 8. November 1918 auf der Loretowiese wurden Karl Göpfert zum Leiter des Volksrates und Guido Kopp als Vorsitzender des Soldatenrates bestimmt. Anschließend zog man zum Rathaus und Bürgermeister Josef Wüst musste dort die Polizei dem Volks- und Soldatenrat unterstellen. Unstimmigkeiten und Reibereien blieben beim Miteinander der bisherigen Administration und den neu installierten Räten nicht aus, doch die Lage blieb friedlich und von Pragmatismus geprägt. Bei den Landtags- und Rechtstagswahlen im Januar 1919 votierte eine sehr deutliche Mehrheit der Rosenheimer Bürgerinnen und Bürger für die christlich-konservative BVP und die gemäßigte Mehrheits-SPD.

Mit der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar 1919 eskalierte die Situation allerdings: Der Volks- und Soldatenrat wähnte die Errungenschaften der Revolution in Gefahr und bestellte „alle arbeitslosen Gewerkschaftkollegen und Parteimitglieder bis 35 Jahre“ zu den Waffen. Bürgermeister Josef Wüst wurde zum Rücktritt gezwungen, sein Nachfolger wurde Karl Göpfert. Parallel dazu zeigten sich immer deutlicher die schier unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Volksrat und seinem Vorsitzenden Göpfert und der spartakistischen Bewegung, repräsentiert von Guido Kopp und dem Soldatenrat. Diese Auseinandersetzungen bestimmten auch die unruhigen Zeiten, die sich im April anbahnten: Am 5. April wurde auf der Loretowiese auf einer Versammlung die Räterepublik ausgerufen. Münchner Kommunisten hatten diese von Göpfert einberufen lassen und die dritte Revolution verkündet. Geiseln aus der Bürgerschaft wurden gefangen genommen, ihre Erschießung angedroht, Bauern, die ihrer Lieferpflicht nicht nachkommen würden, die Enteignung angedroht. Gleichzeitig ließ sich Göpferts Gegenspieler Guido Kopp als Vertreter des radikal-sozialisten Lagers von einer Volksversammlung als Bürgermeister ausrufen. In diese aufgeheizte Stimmung traf am 13. April das Gerücht, dass in München ein bürgerlicher Putsch stattgefunden habe und sich die „Weißen Garden“ der Konterrevolution auf dem Weg nach Rosenheim befänden. Kopp verhängte Belagerungszustand und Standrecht über Rosenheim, doch die Rosenheimer Bürger waren mit ihrer Geduld am Ende und hatten kein Verständnis mehr für die radikal-revolutionäre Minderheit. Eine Menschenmenge stürmte das Gebäude, in dem sich Kopp und seine Anhänger verschanzt hatten und brachte diese ins Gefängnis. In der Folge wurden Rosenheim und die umliegende Region zum Schauplatz zahlreicher Auseinandersetzungen, die blutig verliefen. Die Lage für Kopp, der zwischenzeitlich aus dem Gefängnis befreit worden war, und seine Anhänger wurde immer aussichtsloser. Er zog sich am 1. Mai gemeinsam mit seinen Mitstreitern nach Kolbermoor zurück. Noch am selben Tag sind die „weißen Garden“ in Rosenheim einmarschiert, zwei Tage darauf kapitulierten die in Kolbermoor eingeschlossenen Rotgardisten und schlossen einen Waffenstillstand. Zwei Arbeiterführer wurden von Mitgliedern des Freikorps Chiemgau ermordet, die anderen wurden verhaftet. Erst nach Monaten wurden die Urteile gegen die inhaftierten Revolutionäre gesprochen: Bürgermeister Göpfert kam mit einem relativ milden Urteil, einem Jahr und drei Monaten Festungshaft, davon, Guido Kopp hingegen wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

Ein bezeichnendes Licht auf die künftige Entwicklung warf das Urteil, das 1920 über die Mörder der beiden Arbeiterführer, Schuhmann und Lahn, gefällt wurde: Die Mitglieder des katholischen Gesellenvereins wurden freigesprochen. Das Gericht befand, ihnen habe das Bewusstsein für die Widerrechtlichkeit dieser Tötung gefehlt.

Neuer Rosenheimer Bürgermeister wurde Bruno Kreuzer, Kommandant der „weißen Truppen“. Die Stadt entwickelte sich zu einem Zentrum nationalistischer, völkischer und antisemitischer Kräfte, darunter auch die NSDAP. Schon lange vor der Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 hatten sich antidemokratische Bewegungen in Rosenheim etabliert. So haben Mitglieder des „Bund Chiemgau“ nach dem Hitler-Putsch 1923 jüdische Bürger bedroht und misshandelt. Und als die nationalsozialistische SA nach dem Putsch offiziell verboten wurde, konnte der Rosenheimer Zug dieser Organisation im „Bund Chiemgau“ Unterschlupf finden.

All diejenigen, die sich mit diesem Aspekt oder auch anderen Ereignissen der Rosenheimer Geschichte beschäftigen wollen, sei das Buch „Rosenheim – Geschichte und Kultur“, herausgegeben von Manfred Treml und Michael Pilz, ans Herz gelegt. Darin befindet auch ein aufschlussreicher Aufsatz von Wolfgang Stäbler zum Thema „Revolution und Räterepublik in Rosenheim“. Erhältlich ist das Buch unter anderem im Rosenheimer Stadtarchiv.

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