Für solch schöne Spielereien hätten Helga Müller und ihre Kolleginnen gern mehr Zeit – der Alltag in der Kita sieht jedoch meist anders aus. Fotos: i-stock

Nur das Beste für die Kleinsten

20.08.2014 • Aktuelles, Landkreis Rosenheim, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Fachkräftemangel in Kitas brennt manche Leiterin aus

Erzieher/in ist ein großartiger Beruf. Er verlangt volles Engagement und macht Spaß. Ihr Beruf verlangt die Bereitschaft, sich ständig neu auf Menschen einzustellen und bietet Teamarbeit und Kollegialität – so sieht der Idealfall aus. Tatsächlich aber ist in vielen Kitas das Personal vor allem damit beschäftigt „dass den Kindern nichts Gravierendes passiert.“ echo sprach mit Gruppenleiterin Helga Müller (Name von der Redaktion geändert) über den Fachkräftemangel in vielen Kitas.

Helga Müller ist eine verantwortungsvolle Erzieherin. Ihre Ausbildung dauerte fünf Jahre und hat sie zu einer hochqualifizierten Erziehungsexpertin werden lassen. Vor allem aber ist sie eine liebevolle Betreuerin mit einem großen Herz für „ihre“ Kinder. Deshalb wurmt es sie auch so sehr, dass sie derzeit in einer Kita im Rosenheimer Landkreis arbeitet, in der sie zusammen mit einer Kinderpflegerin täglich für zwölf Kinder verantwortlich ist. „Es ist ein Knochenjob. Unsere Kinder sind fast alle unter zwei Jahre alt, das heißt, wir sind den ganzen Tag mit Essen geben, Windeln wechseln, schlafen legen und putzen beschäftigt und hoffen, dass den Kindern nichts passiert“, erklärt Helga Müller.

„Es kam sogar vor, dass ich mit den zwölf Kindern ganz allein war“, erinnert sie sich. „Was die Kinder mit Sicherheit bei uns lernen, ist: abwarten zu können. Leider haben wir nicht mehr die Zeit, uns mit einzelnen Bedürfnissen der Kinder zu beschäftigen. Das Pensum ist einfach nicht zu schaffen – und so verkommt der Beruf, den wir eigentlich so lieben, immer mehr zur Verwahrung von Kindern“, klagt Helga Müller.
Erzieherinnen sind Experten für Bildung, Erziehung und Betreuung. Sie begleiten die Kinder auf ihrem Weg zu einer „eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“, so sieht es das Kinder- und Jugendhilfegesetz vor.
Das klingt erst einmal gar nicht so schwierig, schließlich geht es ja um ganz Alltägliches wie essen, anziehen, schlafen oder spielen. Doch wer sich mit diesem Anspruch ernsthaft auch um nur ein Kind gekümmert hat, weiß, dass es ein hohes Maß an Bewusstsein, Aufmerksamkeit und schlicht Zeit fordert, um die besonderen Fähigkeiten und individuellen Bedürfnisse eines Kindes überhaupt wahrzunehmen und darauf eingehen zu können. Zeit, die Erziehern und Betreuern in vielen Krippen und Kindergärten ganz einfach fehlt.
Helga Müller stellt fest: „Wir schaffen ja nicht einmal die Vorbereitung unserer Gruppenstunden. Morgenkreis, Elterngespräche, Mitarbeiterbesprechung – das alles kommt zu kurz, weil die Grundversorgung der Kinder so viel Zeit vom zweiköpfigen Team fordert.

„Wir sind Erzieherinnen geworden, weil wir uns dazu berufen fühlen, aber momentan sind wir ziemlich ausgebrannt. Abends fallen wir todmüde ins Bett – viele meiner Kolleginnen haben praktisch kein Privatleben mehr, weil der Beruf derzeit so schlaucht“, schildert Helga Müller ihren Alltag.

Der Lärmpegel den ganzen Tag, die große Verantwortung, die dürftige Bezahlung, die körperliche Belastung, das alles macht den Beruf nicht gerade attraktiver. Auf einem Arbeitsmarkt, in dem sich auch attraktive Branchen derzeit sehr engagiert um künftigen Nachwuchs bemühen, wird die Bedarfsdeckung sicher nicht einfach werden.

Alle Beteiligten – Politik, Träger, Eltern, Berufsverbände – sind sich darin einig, dass an der erreichten Qualität der pädagogischen Angebote keine Abstriche gemacht werden dürfen. Im Gegenteil: Es muss alles unternommen werden, das Fachkraftniveau durch Ausbildung, Studium und Weiterbildung weiter zu steigern. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig will mit den Bundesländern über einheitliche Qualitätsstandards bei der Kinderbetreuung verhandeln.

Nach dem Bau der Kitas müssten Inhalte angegangen werden, sagte sie. Eine erste Konferenz dazu gebe es im November. Thematisch soll es dabei etwa um den Personalschlüssel, die Bezahlung der Fachkräfte und die Gebühren für den Kita-Besuch gehen.

Den sogenannten Personalschlüssel legen die Länder fest – oft mit mehr Rücksicht darauf, was finanziell machbar ist als im Hinblick auf den tatsächlichen Bedarf. Laut einer Bertelsmann-Studie wäre es ideal, wenn sich eine Erzieherin um drei Kleinkinder kümmern könnte. Überwiegend ist jedoch laut der Bertelsmann-Stiftung ein Betreuungsverhältnis von 1:6 anzutreffen.

In Rosenheim wird derzeit vom Amt für Kinder, Jugendliche und Familien, vertreten durch Amtsleiter Gerd Rose, ein Personalschlüssel von 1:6 für die Krippe (Altersgruppe 1 bis 3 Jahre) bestätigt. Zwölf Kinder werden demnach, wie bei Helga Müller, von zwei pädagogischen Kräften betreut. Empfohlen werden vom Amtsleiter Rose jedoch drei Kräfte für zwölf Kinder, „dies ist aber finanziell für die Träger oft schwer umzusetzen,“ so Rose.

Personell sähe es dagegen in Rosenheim gar nicht so schlecht aus, erklärt Rose: „Derzeit finden wir in Rosenheim noch ansatzweise ausreichend pädagogische Fachkräfte. Sowohl die Stadt Rosenheim als auch die freien Träger scheinen beliebte Arbeitgeber zu sein. Allerdings braucht es länger und intensivere Bewerbungsprozesse, um gutes Personal zu finden. Schwierig ist es während des Kindergartenjahres, gutes Personal zu finden. Leichter zu Beginn des Kindergartenjahres.“                                                                                                                     Petra Maier

Infos zu Ausbildung: www.berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/index.jsp (dann „Erzieher/in“ eingeben); Fachschulen: www. erzieherin-online.de/beruf/ausbildung/schulen.php; Studieren: www.fruehpaedagogik-studieren.de

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