Moralapostel in Not

06.11.2013 • Aktuelles, Kultur, Stadt Rosenheim

Volksbühne St. Nikolaus spielt sozialkritischen Dreiakter

Mit „Moral“ von Ludwig Thoma beendet die Volksbühne St. Nikolaus ihr Jubiläumsjahr. Seit 40 Jahren spielt das Ensemble unterhaltsames, amüsantes und anspruchsvolles Theater in bayrischer Mundart und hat sich eine feste Fangemeinde in Rosenheim „erspielt“. So war auch der Premierenabend im Künstlerhof am Ludwigsplatz bis auf den letzten Platz besetzt.

Mit „Moral“ von Ludwig Thoma steht diesen Herbst ein Stück auf dem Programm, das laut Vorstand Martin Ruhstorfer thematisch an die erste Aufführung der Volksbühne 1973 erinnert. Damals wurde von der katholischen Jugend „Das sündige Dorf“ gespielt. Doppelmoral und Moralapostel ziehen sich auch bei Ludwig Thomas sozialkritischem Stück wie ein roter Faden durch den vergnüglichen aber auch zum Nachdenken anregenden Theaterabend.

In der Inszenierung von Richard Martl, der zudem den freigeistigen Justizrat Hauser spielt, wird das bourgeoise Gehabe hochgestellter Herren der Gesellschaft kritisch-amüsant auf die Schippe genommen.

Privatier Fritz Beermann (toll gespielt von Robert Mayr, der erst drei Wochen vor der Premiere als Ersatz eingesprungen ist), ist Präsident des neu gegründeten Sittlichkeitsvereins und verteidigt gemeinsam mit seinen Vereinskollegen Kommerzienrat Bolland (Helmut Dengl) und Gymnasiallehrer Wasner (Hans Stadler) Sitte und Anstand zum Wohle des sozialen Friedens. Bei Zigarren und Cognac lassen sich die Herren über die ethischen Grundsätze des Zusammenlebens in der Gesellschaft aus, sehen sich allerdings mit den spitzen Einwänden der Freidenkerin Frau Lund (Doris Reuter), konfrontiert. Auch Beermanns Gattin (Marion Winkler) sind die heuchlerischen Tugendphrasen ihres Mannes zuwider und sie wünscht für sich und ihre Tochter Effi (Lisa Sebald) von ihm nur „blamier uns nicht“. Als die Moralapostel beim Kartenspiel von der Festnahme einer „diskreten Dame“ (Angelika Zellner) nebst deren Tagebuch erfahren, scheint der Skandal vorprogrammiert. Allerdings hat der dienstbeflissene Polizeiassessor Ströbel (Florian Schrei) nicht nur in den Sittenwächtern Gegenspieler. Auch Polizeipräsident von Steinbach (Peter Kirmair), stets darauf bedacht jeglichen Skandal zu vermeiden, und der herzogliche Adjutant Schmettau (Hannes Ginthör, stand bereits vor 40 Jahren auf der Bühne) haben Einwände gegen die Ermittlungen. Weitere Mitspieler des sehr akteurreichen Abends sind die lebenslustige Klara Bolland (Monika Fath), der junge Dichter Dobler (Thomas Stadler), das neugierige Hausmädchen der Berrmanns Betty (Daniela Englmeier), der meinungsfreie Polizeischreiber Reisacher (Günter Schmid) und die Schutzmänner (Martin Ruhstorfer und Franz Grießl). Großes Lob auch an Franz und Simon Grießl für die wieder einmal überaus gelungenen Bühnenbilder. Ein Augenschmaus auch die Kostüme von Conny Stadler, die perfekt die „feine Gesellschaft um 1900“ kleiden.

Ob es letztendlich eine „moralische Berechtigung fürs Unmoralische“ gibt, ist noch am 9., 10., 15., 16., 19., 22., 23. November im Künstlerhof am Ludwigsplatz zu sehen. Karten gibt es im Städtischen Museum im Mittertor, Telefon 0 80 31/ 3 65 27 51.  Claudia Sieberath

Related Posts

Comments are closed.

« »