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16.07.2019 • Aktuelles, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Die Kolumne von ProSenioren Rosenheim e.V.: Gärten an Pflegeeinrichtungen für Senioren

Wenn ich als Gartentherapeutin eine Seniorenwohnanlage betrete und durch einen schön gestalteten Garten gehe, freue ich mich zunächst. Da hat eine Einrichtung alles richtig gemacht, denke ich. Hier gehen also die Senioren gerne in den Garten. Man stellt sich rotwangige Betagte vor, die auf ihrem Spaziergang Blumen pflücken oder Kräuter zupfen, um sich ihr Zimmer mit Farbe oder Duft zu verschönern. Und alle sind glücklich und zufrieden: Der Heimleiter, der womöglich viel Geld ausgegeben hat, um den Garten fachmännisch gestalten und pflegen zu lassen, die Angehörigen, die ihre Mutter oder Großmutter von jeher im Garten kennen und sie nun in bester Umgebung wissen – beste Pflege natürlich vorausgesetzt.

Doch – wo sind sie, die rotwangigen Betagten? Ja, man trifft auf Gärten, darin sind auch Kräuter zu finden. Manchmal! Doch ich habe selten jemanden etwas pflücken sehen, schon gar nicht alleine und leider auch nicht rotwangig. Was also läuft falsch?
Der Garten sieht tipptopp aus, gepflegt von einem Gärtner, der mindestens zweimal die Woche dort arbeitet. Manche Bewohner kommen dann gerne zu ihm, möchten reden. Aber der Gärtner wird fürs Arbeiten bezahlt. Da ist keine Zeit für einen längeren Plausch.

Anders verhält es sich in einer Einrichtung, die erkannt hat, dass man ebenso wenig eine Gymnastikhalle hinstellen und davon ausgehen kann, dass nun die Senioren munter von selbst dorthin gehen, um ihre Beweglichkeit zu trainieren. Eine angeleitete Beschäftigung ist also eine erste Maßnahme, die man beispielsweise einem Menschen bieten kann, der sich früher selber um seinen Garten gekümmert hat. Dadurch reißt die Biografie nicht ab, und es ermöglicht dem Menschen, sich schneller einzuleben. Der Bewohner identifiziert sich sogleich mit dem Garten, er hat selbst daran mitgearbeitet, eventuell durfte er auch einen Rosenstock von zu Hause oder seine Lieblingsstaude mitbringen. Ein erster wichtiger Schritt, der eine Gartennutzung garantieren kann. Wer aber leitet diese Beschäftigung an, und was kann das sein? Zu den Aufgaben eines Betreuungsassistenten nach Paragraf 53c gehören unter anderem „leichte Gartentätigkeiten“. Hier besteht also die Möglichkeit, Balkonkübel mit dem Bewohner zusammen einzupflanzen oder Kräuter aus dem Gemeinschaftsgarten zu ernten, um beispielsweise ein Kräutersalz zuzubereiten. Es können aber ebenso niedrigschwellige Tätigkeiten zusammen erbracht werden, wie zum Beispiel Zweige schneiden und zusammen in die Vase stellen, gerne auch mit ein bisschen jahreszeitlicher Deko verziert.

An diesem Beispiel sieht man, wie wichtig es ist, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, was das Ziel einer Gartenplanung ist, wie der Garten genutzt werden soll.
Ist einfach nur ein Außenraum für Spaziergänge vorgesehen oder können nicht vielmehr auch hauswirtschaftliche Themen wie Ernten und Verarbeiten von Kräutern und Pflanzen, floristische Themen und saisonale und jahreszeitliche Themen, die Erinnerungen auslösen, damit verbunden werden?
Weniger ist dabei oft mehr. Mit einem Gartenkonzept sollte man beginnen. Dabei ist wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, in welcher Art und Weise der Garten genutzt werden soll. Man beginnt zunächst mit einer Analyse: Was ist vorhanden und was kann genutzt werden? Erst im Folgenden überlegt man, was noch bereitgestellt werden muss, welche vorhandenen Gruppen- oder Einzelangebote im Garten integriert werden können, zum Beispiel Gedächtnistraining, Musik oder Vorlesen. Vielleicht braucht die Einrichtung zunächst nur eine größere Terrasse, die Verschattung bietet?
Beschäftigung im Garten ist also ein erster Schritt in die richtige Richtung, um einen vorhandenen Garten und die Jahreszeiten erlebbar zu machen. Garten und Pflanzen werden es schaffen, die körperliche, soziale und psychische Gesundheit unserer alternden Gesellschaft zu erhalten und zu steigern.
Und dann sieht man hoffentlich den rotwangigen Senior, den man sich als Pflegender, Heimleiter oder Angehöriger so sehr wünscht.

Dipl.-Ing. Architektin und Gartentherapeutin Stefanie Hermann, garten für alle

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