Hochwasser wütet am Rosenheimer Innkraftwerk. Foto: Thomas Alberer

Leben und Arbeiten zwischen Inn, Mangfall und Kalten

13.06.2017 • Aktuelles, Kultur, Stadt Rosenheim

Dritter Teil der Reihe zum 1000. Jubiläum Happings – Von Josef Frankenberger

Im dritten Teil unserer Reihe zum 1000-jährigen Bestehen des Rosenheimer Ortsteils Happing schildert Josef Frankenberger wie sich Leben und Arbeitswelt zwischen Inn, Mangfall und Kalten entwickelte.

Happing ist die nördlichste der drei „Wasen-Gemeinden“. Sie grenzte unmittelbar an Rosenheim, bis sie 1967 nach einem Bürgerentscheid in die kreisfreie Stadt eingemeindet wurde. Genau genommen liegt Happing nur zur Hälfte auf den fruchtbaren Terrassen von hier bis nach Reischenhart. Die andere Hälfte sind die tieferliegenden Fluren und die Auen längs des Inns. Entstanden ist die Landschaft vor rund 11 000 Jahren auf dem Boden des nach und nach verlandeten Rosenheimer Sees. Die für uns heute noch deutlich sichtbaren Geländeformen haben über die Jahrtausende der Inn und die Mangfall mit der von Bad Feilnbach zufließenden Kalten geschaffen. Jeder, der mit dem Rad von Rosenheim zu den Erdbeerfeldern nach Pang fährt, spürt die stufenweisen Steigungen über gut 20 Höhenmeter in den Pedalen. Das Dorf Happing liegt noch oben am Rande des Wasens, die „Einöden“ Bauer in der Au und der Selt in der Au stehen bereits in der Happinger Au.

Der Inn – Fluch und Segen zugleich

Vor allem der Inn, aber auch Mangfall und Kalten versetzten seit Urzeiten die Menschen in Angst und Schrecken, mit den Hochwässern im Sommer genauso wie im Winter, wenn der „Eisstoß“ die Brückenpfeiler zermalmte. Einerseits vernichtete der Inn immer wieder fruchtbares Bauernland; andererseits sicherte er den Schiffsleuten, Handwerkern und Handelsherren bis zum Bau der Eisenbahn 1858 ein gutes Einkommen. Im kleinen Happing standen damals ebenso viele Rösser im Stall wie in Aising und Pang. Der Schmied und der Wagner hatten immer genug Arbeit.

Dem Kaltenmüller gehörte das Fischereirecht in seinem Mühlbach, einem Seitenarm der Kalten. Die Fischereirechte im vielarmigen Inn hatte nach der Säkularisation traditionsgemäß der Seltn-Bauer von der Gemeinde gepachtet.
Aus dem Inn holte man sich darüber hinaus für den Haus- und Straßenbau den notwendigen Sand, Kies und die fürs feste Mauerwerk benutzten „Bachkugeln“, denn die Tonziegel aus den Brennereien am Ziegelberg waren teuer. Und die Goldwäscher siebten aus den strömungsarmen „Gumpen“ das rare Edelmetall, aus dem dann in der herrschaftlichen Münze zu München die wertvollen Golddukaten mit der Einprägung „Ex Auro Oeni“ gegossen wurden.

Bereits ab dem ausgehenden Mittelalter versuchte man den Inn an den besonders gefährdeten Stellen durch Uferverbauungen, sogenannten Archen, im Zaum zu halten. Das gelang nur ganz selten dauerhaft. Zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es deshalb Überlegungen, wie der Flusslauf nachhaltig zu bändigen sei. Die ersten Erfahrungen wurden bei der Flussverbauung auf der Strecke zwischen Kufstein und Fischbach gesammelt, weil sich der Inn dort im engen Tal nicht gar so ausweiten konnte und weil die Österreicher die bayerischen Nachbarn immer stärker zu einer Flussregulierung drängten.

Schutz vor Hochwasser

Der am meisten von Überschwemmungen betroffene Teil war das Rosenheimer Becken, also das Gebiet, wo sich nach der letzten Eiszeit der Rosenheimer See ausgebreitet hatte. Deshalb machten die 38 Kilometer zwischen Windshausen südlich Nußdorf und dem Kloster Attel seit dem Mittelalter den größten Ärger.

Bau der Dämme in Teilabschnitten

Der Bau der Dämme erfolgte aber nicht systematisch von unten her stromaufwärts, sondern in einzelnen Teilabschnitten. Begonnen wurde 1858/59 in Rosenheim im Zuge des Baus der Eisenbahnbrücke in Hofleiten. 1913 war der Dammbau südlich von Rosenheim im Wesentlichen abgeschlossen. Der eigentliche Hochwasserschutz für Rosenheim selbst erfolgte relativ spät in den Jahren 1928/29 mit der Regulierung von Mangfall, Kalten und Hammerbach.

Vollständig „kanalisiert“ wurde der bayerische Inn dann mit dem Bau der insgesamt 19 Staustufen von Oberaudorf bis Passau-Ingling. Das Kraftwerk Rosenheim wurde 1957 bis 1960 erbaut als ein sogenanntes Buchtenkraftwerk mit drei Turbinen und einer Jahresleistung von 179 577 Megawattstunden. Es steht mit allen seinen Anlagen zur Gänze auf Rohrdorfer Gemeindegebiet.

Die „Innkorrektion“ war ein Segen für die am Fluss liegenden Städte und Dörfer. Sie befreite die Menschen nicht nur von der ständigen Angst vor dem Hochwasser, sondern zwang den mächtigen Gebirgsstrom, das einst verschlungene Land wieder „auszuspucken“. Allein im Happinger Gemeindegebiet, das bis 1966 mit rund 70 Hektar noch östlich des Inns lag, wuchs die Landfläche beiderseits des Flusses um insgesamt rund 50 Hektar Auwald mitsamt den vom neuen Flusslauf abgeschnittenen Altwasserarmen, von denen dann 1919/21 exakt 29,926 Hektar auf die in Happing ansässigen Bauern verteilt wurden. Das Fischereirecht im regulierten Inn fiel für die Gemeinde Happing zwar weg, dafür gibt es bis heute noch reichlich Wasser für Fische, Enten und Biber in den Altwässern.

Größere Eingriffe in die Happinger Auen gab es Mitte der 30er-Jahre beim Autobahnbau, als für den benötigten Kies der Happinger See westlich und der Hochstraßer See östlich des Inn ausgebaggert wurden. Gleichzeitig baute der Reichsarbeitsdienst den westlichsten Altwasserarm, die sogenannte Seltn-Gießn, zum heutigen Moosbach aus – von Redenfelden bis zur Einmündung in den Inn bei der Eisenbahnbrücke. Heute begrenzen Inn und Moosbach das Rosenheimer Landschaftsschutzgebiet „Innauen-Süd“ mit einer Fläche von 271,65 Hektar.

Freizeit und Erholung

Im Schutzgebiet liegen nicht nur der zu Rosenheim gehörende Teil des Happinger Sees und das „Erholungsgebiet Floriansee – Happinger Ausee“, sondern auch mehrere ausgebeutete und nun als Fischwasser genutzte Kiesweiher sowie einige als „geschützte Landschaftsbestandteile“ ausgewiesene Flächen mit unberührten Altwässern. Mit dieser geglückten Verbindung von Landschaftsschutz, Freizeit und Erholung in den südlichen Innauen hat Rosenheim seinen Bürgerinnen und Bürgern ein einmaliges Geschenk gemacht.

Related Posts

Comments are closed.

« »

Website Security Test