Wo ein Weg ist, ist ein Erfolg

30.11.2020 • Nachrichten

Florian Singer ist Climber mit Handicap und nimmt an internationalen Wettbewerben teil

„Mit dem Kurzzeitgedächtnis habe ich Probleme. Es kann gut sein, dass ich mich morgen nicht mehr an ihr Gesicht erinnern kann. So geht es mir auch mit den Kletterrouten“, beschreibt der 22 Jahre alte Florian Singer aus Au bei Bad Feilnbach eine der Spätfolgen seines Unfalls vor fast auf den Tag genau zwölf Jahren. Umso beeindruckender ist seine Erfolgsgeschichte als Extremkletterer.

Die Gedächtnisschwierigkeiten sind das eine. Nach dem – unverschuldeten, wie er betont – Autounfall, den er am 26. November 2010 als Zwölfjähriger erlitt, musste er alles neu lernen: Gehen, Essen, Sprechen. Etwa drei Jahre hat es gedauert, bis er wieder einigermaßen am Alltag teilnehmen konnte.
Geblieben sind trotz aller Anstrengung viele Folgen: Dysarthie, rechtsseitige beinbetonte spastische Hemiparese, Ataxie des linken Armes und der linken Hand sowie Beeinträchtigung von Aufmerksamkeits-, Lern- und Gedächtnisfunktion und ein Schädelhirntrauma der Stufe III. „Anfangs war ich zu 100 Prozent behindert, 2018 wurde ich auf 80 Prozent heruntergestuft“, schildert der groß gewachsene, schlanke junge Mann seine großen Einschränkungen.
Sportlich und motiviert, das sei er schon vor dem Unfall gewesen, zum Beispiel als Torwart in der Fußballjugend. Doch damit war es vorerst vorbei. Dann aber traf er im Rahmen seiner Reha-Behandlungen seine Ergotherapeutin, die zugleich beim Stützpunkt Inntal e.V., einem Verein, in dem Kletterer mit und ohne Handicap trainieren, Kletterlehrerin ist. Sie brachte Florian Singer zum Klettern. Und damit begann eine sportliche Erfolgsgeschichte. Das Klettern machte ihm Spaß, und bald schon konnte er sein Training in der Halle auch in der Natur beim Felsklettern umsetzen.
Zu den Wettkämpfen inspirierte ihn ein Vereinskamerad und Freund, der Weltmeister wurde: „Da wurde ich hellhörig und dachte mir, das wäre auch etwas für mich.“

Ab da ging es dann mit dem Training so richtig los. „Die Verantwortlichen vom Stützpunkt Inntal e.V., Natascha Haug, Achim Haug und Katja Müller, haben mich dann an meinen Boulder- und Körperspannungstrainer Christian Schreiner verwiesen. Das Training hat mir immer mehr Spaß gemacht, ich wollte immer öfter trainieren.“ Mit den Wettkämpfen wurde es dann 2017 ernst. Und schon bei seinem ersten internationalen Paraclimbing Kletterwettkampf als Mitglied des deutschen Paraclimb-Nationalkaders in Imst erreichte er den 5. Platz, schon einen Monat später in Briancon war es der 4. Rang. Es folgten ein 5. Platz bei der Münchner Stadtmeisterschaft und ein weiterer 4. Platz im englischen Sheffield. Und so ging es im Jahr 2018 weiter bei Wettkämpfen in Karlsruhe, Imst und München. „Mein persönliches Highlight bisher waren meine ersten Weltmeisterschaften im September 2018 in Innsbruck, als ich gleich ins Finale kam und dort einen guten 4. Platz erreichen konnte. An diese Route kann ich mich genau erinnern, an jeden Griff“. so Singer. Im Übrigen kann er herzhaft lachen über die Kurzzeitgedächtnisprobleme des Autors, dem während des Gesprächs partout die nächste Frage an ihn nicht mehr einfallen will. „Ich habe wenigstens eine Ausrede“, meint er dazu schmunzelnd.
Gestartet wird in verschiedenen Gruppen, je nach dem Grad der Behinderung. Über die Einordnung wird jeweils kurzfristig vor dem Wettkampf entschieden. Ein Vorgehen, das Singer für verbesserungswürdig hält. Die Platzierung wird danach entschieden, wie hoch der Kletterer auf der festgelegten Route kommt, beziehungsweise wer bei gleicher Höhe schneller ist.

Hoch hinaus ging es dann auch 2019, als Florian Singer in Puurs seinen ersten Sieg erkletterte. Nach einem weiteren 4. Platz bei der Weltmeisterschaft in Briancon ging es noch einmal aufs Stockerl mit einem 3. Platz im niederländischen Sittard.
Doch dann kam Corona: Für 2020 wurden alle Wettkämpfe abgesagt, das Reisen wesentlich eingeschränkt. Singer, der mittlerweile auch fest im Berufsleben steht und nach einer abgeschlossenen Ausbildung als Fachlagerist bei der Firma Bacher in Au beschäftigt ist, lässt sich aber nicht unterkriegen. „Durch den Wegfall der Reisen und Wettkämpfe habe ich mehr Zeit zu trainieren und konnte mich deutlich verbessern. Zum Teil konnte ich viermal die Woche an das Griffboard, doppelt so viel wie normal.“
Und das bringt ihn schon wieder zu seinen nächsten Zielen. Denn im Jahr 2021 sollen einige schwere Kletterrouten am Felsen realisiert werden. Vor allem aber die Weltmeisterschaft in Moskau liegt im Fokus des 22-Jährigen. Ganz getreu seinem Motto: „Wo ein Weg ist, ist ein Gipfel, ist ein Erfolg“.

Ein weiteres Ziel, für das er die freie Zeit nutzt, ist die Gewinnung von Sponsoren. Denn, man ahnt es, die Preisgelder für die Kletterer mit Handicap sind nicht üppig. Die Kosten für Reisen und Ausrüstung hingegen schon. Bisher wird er von einem Schuhhersteller unterstützt und auch die Gemeinde Bad Feilnbach sponsert den erfolgreichen Sportler. Für eine weitere Professionalisierung sorgt auch sein Trainer und Manager Michael Füchsle, den er über einen Freund aus dem Stützpunkt Inntal e.V. kennengelernt hat. „Er sah Potential in mir. Wenn er nicht sehen würde, dass ich mich noch verbessern kann, würde er aufhören, sagt er.“ meint Florian Singer, „Wir unternehmen auch viel in der Freizeit zusammen, zum Beispiel im Urlaub. Kürzlich war er zu Besuch bei uns zum Klettern in Brannenburg. Und in normalen Jahren fahren wir zum Jahresabschluss immer zum Felsklettern nach Arco in Italien.“  nu

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