„Man hat uns richtiggehend vergessen“

11.05.2021 • Aktuelles, Landkreis Rosenheim, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Tätowierer Klaus Kienle über Schließung, Frustration und Hoffnung auf Öffnung

Die Impfkampagne kommt in Fahrt, die Corona-Infektionszahlen sinken langsam. Die bayerische Staatsregierung hat nun letzte Woche in seiner 12. Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung einige wesentliche Lockerungen der Bestimmungen beschlossen.
Neben wesentlichen Erleichterungen für vollständig geimpfte Bürgerinnen und Bürger wurden auch Perspektiven für Außengastronomie, Kultur und Sport sowie aller körpernahen Dienstleistungen eröffnet. Der letzte Punkt trifft eine Branche, die bisher kaum im öffentlichen Fokus war: die Tattoostudios. Sie wurden in Bayern nach dem Bund-Länder-Beschluss Anfang März, dass körpernahe Dienstleistungen mit entsprechendem Hygienekonzept wieder öffnen dürfen, ausdrücklich ausgenommen, ebenso wie etwa Massagepraxen. Begründet wurde dies mit dem immer noch hohen Infektionsgeschehen, das nur Dienstleistungen erlaube, die der Körperhygiene und –pflege dienten. So gingen am 8. März überall in Deutschland die Tattoo-Studios wieder ihrer Arbeit nach, in Bayern allerdings nicht.

Mit den aktualisierten Bestimmungen können nun seit Anfang der Woche die Tätowierer auch im Freistaat ihre Arbeit wieder aufnehmen, und zwar unter den bereits länger für Friseure und Fußpfleger geltenden Bedingungen wie Mindestabstand, Hygienekonzept, FFP2-Maskenpflicht und Beschränkung der Kundenzahl pro Quadratmeter Fläche. Voraussetzung ist allerdings eine Sieben-Tage-Inzidenz unter 100 der Kommune.
Unsere Redaktion sprach darüber mit dem Rosenheimer Klaus Kienle, der seit über 25 Jahren als Tätowierer tätig ist und ein eigenes Studio in Rosenheim betreibt.

Herr Kienle, wie haben Sie das letzte Jahr, geprägt von Pandemie und Lockdowns, erlebt?

„Zunächst: Mir ist sehr bewusst, dass Corona eine sehr schwere, gefährliche Krankheit ist. Deshalb habe ich nach dem ersten Lockdown, als ich wieder zu arbeiten begonnen habe, ein strenges Hygienekonzept für mein Studio entwickelt und konsequent umgesetzt: durchgängige Maskenpflicht, nur eine Person mit mir im Laden, gründliche Desinfektion sämtlicher Flächen und Geräte vor und nach der Behandlung sowie Beratungsgespräche nur noch über das Telefon. Ich hatte im Durchschnitt über den Arbeitstag verteilt höchsten zwei oder drei Leute im Geschäft; sämtliche Kontaktdaten wurden zur Nachverfolgung akribisch notiert. Ich habe das alles sehr ernst genommen und das Konzept hat tadellos geklappt. Meines Wissens nach, hat sich kein Kunde bei mir im Tattoo-Studio angesteckt.
Doch dann kam der nächste Lockdown Anfang November letzten Jahres, und in dem befinde ich mich immer noch. Und leider muss ich sagen, dass sich in meine langsam gewachsene Frustration eine gehörige Portion Wut mischt.“

Was konkret macht Sie so wütend?

„Ich habe sehr lange, auch wenn diese Lage allmählich existenzbedrohende Ausmaße für mich angenommen hat, die politisch Verantwortlichen in Schutz genommen. Diese Pandemie ist eine enorme Herausforderung für alle, und es ist immer leichter, an Maßnahmen herumzukritisieren als selbst konstruktive Vorschläge zu machen. Meiner Meinung nach hätte man aber die Belastungen solidarischer verteilen müssen und nicht einige Sparten, wie die Gastronomie und eben auch uns als Tätowierer richtiggehend verhungern lassen dürfen. Ich hätte gut damit leben können, wenn ein kürzerer, konsequenter Lockdown alle betroffen hätte. Nun habe ich das Gefühl, dass man uns richtiggehend vergessen hat.

„Bayerischer Sonderweg“

Ich verstehe auch nicht, wie etwa Kosmetikstudios bereits öffnen und Lidstriche tätowieren dürfen, Friseure ihrem Beruf nachgehen können, ich aber meinen Kunden noch kein Tattoo am Knöchel oder Unterarm stechen darf. Diese unterschiedliche Behandlung der Branchen leuchtet mir einfach nicht ein. Dazu kommt, dass in anderen Bundesländern meine Kollegen bereits wieder unter bestimmten Bedingungen öffnen durften, Bayern das aber bisher ausgeschlossen hat. Dieser Sonderweg hat mich unglaublich wütend gemacht.“

Nun haben sich die Bestimmungen in Bayern auch geändert. Wie schauen Sie in die Zukunft?

„Mut gemacht hat mir in der ganzen Zeit die Hilfe meiner Familie, die mich auch über die schwere Zeit der ungewollten Arbeitslosigkeit gebracht hat. So konnte ich auch die Zeit überbrücken, die es etwa zur Auszahlung der staatlichen November- und Dezemberhilfen im Januar beziehungsweise Februar gebraucht hat. Toll waren auch die Reaktionen meiner treuen Kunden, die sich in dieser Zeit immer wieder gemeldet und nachgefragt haben, wie es mir geht. Diese mentale Unterstützung war großartig! Jetzt hoffe ich darauf, dass es die Inzidenzzahlen in Rosenheim bald wieder erlauben, dass ich mein Studio öffnen kann.“
Franziska Finsterwalder

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