Mit dem Organspendeausweis kann man seinen Willen für den Ernstfall deutlich ausdrücken. Foto: bzga

Ein Geschenk über den Tod hinaus

24.01.2017 • Aktuelles, Landkreis Rosenheim, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Organspenden in Deutschland bleiben weiterhin auf niedrigem Niveau

Ein Leben immer voller Anspannung, unsicherer Erwartung und schwerst krank, das führen über 10 000 Menschen in Deutschland. Sie warten auf ein Spendeorgan, das ihr Leben erheblich verbessern oder gar retten könnte und sind teilweise schon lange Zeit auf den entsprechenden Wartelisten für eine Transplantation. Und leider gibt es für sehr viele Kranke kein „Happy End“: Täglich sterben Menschen auf dieser Warteliste, Kranke, für die es zwar die medizinischen Möglichkeiten, aber nicht genügend Spenderorgane gibt. Ihnen stehen gegenüber 857 Menschen, die 2016 in Deutschland nach ihrem Tod Organe gespendet haben. Diese Zahl hat die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) veröffentlicht.

Mit 10,4 Transplantationen auf eine Millionen Menschen liegt Deutschland im europäischen Vergleich weit unter dem Durchschnitt; Spitzenreiter ist hier Spanien mit über 40 Transplantierten pro eine Million Einwohner.

Der Rückgang der Spender in den letzten Jahren lässt sich sicherlich nicht mit einer ablehnenden Haltung des Bundesbürger gegenüber diesem Thema erklären: Immerhin acht von zehn Deutschen steht nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) der Organspende positiv gegenüber. Doch der große Skandal 2012, bei dem Richtlinienverstöße in einzelnen Transplantationszentren in Deutschland publik geworden sind, hat offensichtlich zu einem großen Vertrauensverlust geführt. Die Politik hat reagiert und noch mit Reformen des Transplantationsgesetzes im Bundestag das Verfahren absolut transparent gemacht hat.

Auf eine sehr persönliche Ebene holte vor kurzem eine Informationsveranstaltung des Landtagsabgeordneten Klaus Stöttner das Thema Organspende.

Stöttner diskutierte unter der Gesprächsleitung von Professor Dr. Dieter Benatzky gemeinsam mit Peter Kreilkamp, der zwischen 2003 und 2009 mit einer transplantierten Niere lebe und inzwischen wieder auf der Warteliste steht, Klinikseelsorger Josef Klinger und der Transplantationsbeauftragten Dr. Christine Kummer aus dem RoMed Klinikum Rosenheim.

Eindruckvoll schilderte Peter Kreilkamp seine Krankheitsgeschichte. Aufgrund einer Glomerulonephritis war seine Nierenfunktion im Januar 1995 auf fast Null herabgesetzt. Seitdem gehörte der Gang zur Dialyse und das bange Warten auf ein Spenderorgan zum Alltag des damals erst 36-jährigen jungen Mannes. Dass Kreilkamp an einer durchaus lebensbedrohlichen Krankheit leidet, hat man dem sportlich sehr aktiven Mann nicht angesehen. Dank der Dialyse konnte Kreilkamp die Wartezeit von achteinhalb Jahren auf ein geeignetes Spenderorgan überbrücken. Dann ging alles ganz schnell: vom erlösenden Anruf bis zur Operation vergingen keine 24 Stunden. Seitdem das transplantierte Organ vor über sieben Jahren versagte und entfernt werden musste, steht für Kreilkamp wieder die regelmäßige Dialyse an. Sie ist anstrengend, kostet viel Zeit und Kraft. „Und trotzdem geht es uns Nierenpatienten noch relativ gut im Vergleich zu Herz-, Leber- oder Lungenpatienten. Die Dialyse hilft uns, die Wartezeit zu überstehen, bei den anderen kann die lange Wartezeit das Todesurteil bedeuten“, so Peter Kreilkamp.

Dr. Christine Kummer erläuterte ausführlich das Transplantationsverfahren, das, so die Ärztin, transparent und sicher sei. Der Hirntod des Organspenders, der Zustand der unwiederbringlich erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms, muss von zwei erfahrenen Ärzten unabhängig voneinander festgestellt werden. Zu dieser Untersuchung gehören neben der Prüfung wichtiger Reflexe auch viele weitere Untersuchungen, etwa ein EEG oder eine Angiografie. Erst wenn sämtliche Untersuchungen abgeschlossen sind und zweifelsfrei feststeht, dass der Patient hirntot ist, werden Organe oder Gewebe von Fachärzten eines Transplantationszentrums entnommen. Die gemeinsame Warteliste des Verbundes von Eurotransplant, dem Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Slowenien und Ungarn angeschlossen sind, erleichtert es, den oder die optimalen Empfänger zu ermitteln.

Der katholische Klinikseelsorger Josef Klinger legte in der Diskussion ein besonderes Augenmerk auf die Angehörigen des Organspenders. Aus seiner langjährigen Erfahrung heraus weiß er darum, wie komplex und eminent belastend diese Situation ist: ,,Ist kein Organspendeausweis vorhanden, soll die Familie, die mit dem Verlust eines geliebten Menschen konfrontiert ist, innerhalb kurzer Zeit den mutmaßlichen Patientenwillen ermitteln.“ Hat der Verstorbene schon einmal über das Thema gesprochen? Wie stand er grundsätzlich zur Organspende? „Da kann es für die Angehörigen eine unglaubliche Entlastung sein, wenn der eindeutige Wille des Verstorbenen mittels eines Organspenderausweises, in dem man übrigens auch der Entnahme von Organen ausdrücklich widersprechen kann, vorliegt“, weiß Josef Klinger. So könne der Verlust eines Angehörigen auch eine versöhnlichen Aspekt bekommen, wenn mit der Organspende einem anderen Menschen geholfen werden kann. „Die Würde des Menschen ist ein ganz besondere wertvolles Gut und sie gilt auch über den Tod hinaus“, plädiert Josef Klinger für einen behutsamen und einfühlsamen Umgang mit dem Verstorbenen und dessen Angehörigen.

Den Organspendeausweis kann man telefonisch beim Infotelefon Organspende unter der gebührenfreien Telefonnummer 08 00/9 04 04 00 bestellen. Außerdem ist er in vielen Arztpraxen und Apotheken erhältlich. ff

 

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