Die richtige Diagnose kann eine große Hilfe sein.

Gegen das Vergessen

13.12.2016 • Aktuelles, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Rund 1,6 Millionen Bundesbürger sind von Demenz betroffen

Der demografische Wandel drückt sich auch aus in der Prognose, dass sich die Zahl der Demenzkranken bis zum Jahr 2050 verdoppeln wird. Auch heute schon leiden Betroffene und Angehörige und suchen nach Hilfe.

Jedem ist das schon einmal passiert: Man geht in einen anderen Raum, um etwas Bestimmtes zu holen und dann steht man dort und weiß nicht mehr, weshalb man losgegangen ist. Oder man versetzt seine Verabredung am Nachmittag, obwohl man sich morgens noch ganz fest vorgenommen hat, pünktlich zu sein. Vergessen ist etwas ganz Normales, Alltägliches. Der Blick ins Vorratsregal erinnert einen daran „Ach ja, ich wollte Nudeln holen!“, ein Anruf daran „Klar, ich wollte mich ja mit meiner Freundin treffen!“. Aber was ist, wenn man sich nicht mehr erinnert, ganze Episoden des Lebens verloren gehen? Dann spricht man von Demenz: Sie ist mehr als eine „einfache“ Gedächtnisstörung. Sie zieht das ganze Sein des Menschen in Mitleidenschaft: seine Wahrnehmung, sein Verhalten und sein Erleben. „Weg vom Geist“ oder „ohne Geist“ – so lautet die wörtliche Übersetzung des Begriffs „Demenz“ aus dem Lateinischen. Damit ist das wesentliche Merkmal von Demenzerkrankungen vorweggenommen, nämlich der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit. Am Anfang der Krankheit stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Merkfähigkeit, in ihrem weiteren Verlauf verschwinden auch bereits eingeprägte Inhalte des Langzeitgedächtnisses, sodass die Betroffenen zunehmend die während ihres Lebens erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten verlieren.

Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind von Demenz betroffen, davon über 90 Prozent von der sogenannten primären und in der Regel irreversibel verlaufenden Form. Den größten Anteil hier macht der Typ Alzheimer aus. Ausgehend von den statistischen Grunddaten und der Altersentwicklung rechnen Experten mit einer Verdoppelung der Zahlen bis zum Jahr 2050.

Verdacht abklären lassen
Was soll man tun, wenn man befürchtet, man selbst oder ein Angehöriger könnte von Demenz betroffen sein? Empfehlenswert, so Andreas Böhm, Facharzt für Nervenheilkunde und Psychotherapie, ist es, diesen Verdacht zunächst vom Facharzt abklären zu lassen. „Am Anfang sollte immer eine umfassende Diagnostik stehen. So kann man zunächst andere Krankheiten, die ebenfalls Gedächtnisstörungen verursachen, ausschließen“, so Andreas Böhm. Ist die Diagnose Demenz beziehungsweise der spezielle Typ Alzheimer dann gestellt, können entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Andreas Böhm: „Das reicht von formal rechtlichen Aspekten wie etwa der Beantragung einer Verrentung bis hin zur Beantragung einer Pflegestufe.“ Mit unterschiedlichen Medikamenten kann man außerdem den Status der Krankheit für eine bestimmte Zeit erhalten, das Fortschreiten aufhalten, heilen kann man sie allerdings damit nicht.

Zudem kann die Diagnose für die Angehörigen eine große Hilfe sein, das bisher oft missverstandene Verhalten der Patienten richtig einordnen zu können, nämlich als Krankheit. Oma lässt den Herd an, weil sie krank ist, die Tante wirft den Haustürschlüssel gemeinsam mit dem Altpapier in den Container, weil sie krank ist, Opa fragt das fünfte Mal innerhalb einer halben Stunde, wann es Essen gibt, weil er krank ist. „Wenn man sich bewusst wird, dass man es hier mit einer Erkrankung zu tun hat, gelingt es auch, aus der Vorwurfsfalle rauszukommen und mehr Verständnis aufzubringen“, so Andreas Böhm. Alles Verständnis und Bewusstsein für die Krankheit ändert allerdings nichts daran, dass Demenz nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die betreuenden Angehörigen eine große Belastung und Herausforderung ist. „Deshalb steht bei uns in der Arztpraxis auch nach Diagnose und Medikation die Aufklärung und Beratung zu unterstützenden Hilfsangeboten auf dem Plan. Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Entlastung der pflegenden Angehörigen, die man als Pflegender auch nutzen sollte, um immer wieder selbst Kraft schöpfen zu können!“, erläutert Andreas Böhm.

Netzwerk Demenz von Pro Senioren e.V.

In vorbildhafter Weise engagiert sich in Rosenheim das Netzwerk Demenz von Pro Senioren e.V. seit sieben Jahren für die Hilfe und Unterstützung von Betroffenen und deren Angehörigen. Mit dem Projekt „Rosenheimer Weg gegen Vergesslichkeit“ soll die Stadt auf dem Weg zu einer demenzfreundlichen Kommune weitergebracht werden. Dazu gehören etwa ein umfangreiches und informatives, liebevoll zusammengestelltes Veranstaltungsprogramm, das neben Vorträgen und Kursen für Angehörige auch besondere Veranstaltungen wie einen „Herbsttanz“, einen speziellen „Vergiss-mein-nicht-Gottesdienst“ oder den „Besonderen Besuch im Museum“ beinhaltete.

Einen wertvollen Begleiter für den Lebensalltag mit dementen Menschen hat Pro Senioren e. V. außerdem mit den Demenz-Wegweiser aufgelegt. Die Broschüre enthält neben den wichtigsten Informationen zu Diagnose, Behandlung und Entlastung auch die Adressen und Ansprechpartner aller Institutionen und Einrichtungen, die Unterstützung und Hilfe bei Demenzerkrankungen bieten.

Informationen gibt es im Internet unter www.pro-senioren-rosenheim.de oder Telefon 0 80 31/3 65 16 36. ff

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