„Charmant penetrant“ das Ziel erreichen

22.09.2020 • Aktuelles, Landkreis Rosenheim, Nachrichten

Aktionsgruppe Sauberer Simssee sorgt sich um das Gewässer

Ein schöner, alter Hof in Pietzing, Gemeinde Riedering. Ein paar Meter weiter, und der Blick ist frei zum zweitgrößten See im Landkreis Rosenheim, Erholungs- und Wohngebiet für viele Tausend Menschen. Rings um den See findet sich Arbeitsfläche für Hunderte Landwirte, die das Kulturland seit ewiger Zeit bewirtschaften. Insgesamt: Ein idyllischer, oberbayerischer Traum von einer Landschaft. Doch unter der Oberfläche, der des Simssees nämlich, gärt es. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Werte sind schlecht. Vor allem die Phosphatbelastung ist in etwa doppelt so hoch, wie es der See eigentlich vertragen könnte. Das Ergebnis der hohen Werte ist Wachstum. Vor allem die Rotalgen sind es, die unter den gegebenen Umständen gedeihen. So gut, dass sie regelrechte Teppiche auf dem See bilden. Manchmal, wenn Wind und Strömung ungünstig wirken, bildet sich Schaum an den Ufern.

Zum Beispiel am Pietzinger Badestrand. Das verleidet den Badegästen ihren Aufenthalt, aber das ist nur ein Problem der ungewollten Überdüngung des Sees. Vor allem fehlt ihm der Sauerstoff, den die Algen für ihren Stoffwechsel verbrauchen. Die Fischer sind alarmiert, denn ohne Sauerstoff geht der Fischnachwuchs, der jährlich fleißig ausgesetzt wird, kläglich ein. Die Fangquoten sinken. Untersuchungen von Limnologen, das heißt Seewissenschaftlern, haben ergeben, dass in bestimmten Tiefenbereichen Sauerstoff so gut wie nicht mehr vorhanden ist. Die letztendliche Folge ist, dass der See früher oder später umkippt, das Leben in ihm erlischt. Das hätte nicht nur für die Fischer fatale Auswirkungen, der ganze See mit seinem komplexen Ökosystem wäre eine große Belastung für die anliegenden Gemeinden – ganz abgesehen vom totalen Verlust als Naherholungsgebiet und einer wesentlichen Minderung der Attraktivität als Wohngegend. Das würde sich wiederum deutlich auf die Grundstücks- und Immobilienpreise in der Nähe des Sees auswirken.

Das befürchten jedenfalls die Mitglieder der erst im vergangenen Juni gegründeten Aktionsgruppe „Sauberer Simssee“. Eines davon ist Dr. Gerhard Vilmar, Besitzer des schönen, alten Hofs in Pietzing. Er erklärt die Ziele der Gruppe, die sich aus besorgten Anwohnern, aber auch Gemeinde- und Kreisräten verschiedener Parteien der dem Simssee anliegenden Gemeinden sowie Vertreter etlicher ökologischer Gruppierungen zusammensetzt, wo sie die Ursachen sehen und wie sie gemeinsam nach Lösungen suchen wollen, die für alle tragbar sind.

„Eines ist für uns äußerst wichtig“, erklärt der pensionierte Psychologe gleich zu Beginn des Gesprächs: „Auf keinen Fall wollen wir irgend jemanden als Sündenbock brandmarken. Schon gar nicht die Landwirte an sich, das wollen wir ganz klar sagen. Unser Credo ist es, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die dem Simssee weiterhelfen, aber auch für alle tragbar sind, inklusive für die Landwirtschaft. Wir wollen sozusagen charmant penetrant sein.“
„Uns Landwirten sind die topografischen Besonderheiten der Simssee-Region und die damit zusammenhängenden Probleme sehr bewusst“, so Josef Steingraber, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes Rosenheim, auf die Problematik angesprochen: „Deshalb haben die Bauern in der Region in enger Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft schon seit Langem Lösungen erarbeitet und auch umgesetzt. Dazu gehören Projekte wie die Untersaat zum Erosionsschutz des Bodens, bodennahe Gülleausbringung, die Anlage von Gewässerrandstreifen oder spezielle Fruchtwechsel.“ Ein freiwilliges Engagement, das die Landwirte auch Zeit, Aufwand und Geld kostet. „Wir machen unsere Hausaufgaben“, betont Steingraber. Sein Appell geht an die Kommunen, ebenfalls Geld in die Hand zu nehmen und mit entsprechenden Maßnahmen die Probleme zu bekämpfen. „Der Umwelt- und Gewässerschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir Landwirte wollen hier auch mit allen Verantwortlichen konstruktiv zusammenarbeiten und sind jederzeit für Gespräche offen. Was wir aber nicht wollen, ist als allein Verantwortliche an den Pranger gestellt zu werden!“

Der „Haupttäter“ ist, wenn man so will, das Regenwasser in Verbindung mit der Topographie entlang des östlichen Ufers des Simssees. Von den Hängen, die dort den See umgeben, läuft das Regenwasser zunächst über die Wiesen und Felder in die entlang der Straßen gelegenen Gullys, dann durch das angeschlossene Rohrsystem in die Bäche wie den Fellbach oder den Labenbach und mit ihnen direkt in den See. Und so auch alles, was das Regenwasser auf seinem Weg nach unten mitnimmt. So gelangen neben dem Wasser eben auch Düngemittel wie Gülle, Pestizide, Auftausalze oder auch Reifen- und Bremsabrieb von den Straßen in den Simssee. Der generell geringe Zufluss des Sees sorgt dafür, dass der Austausch des Wassers nur sehr langsam verläuft.
Laufend geplant sind seitens der Aktionsgruppe Treffen mit Experten und Betroffenen, Aktionen und Veranstaltungen. Unter sauberersimssee.de finden sich Informationen und Termine.  nu

 

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