Über 200 Teilnehmer waren bei der Lichterkette im Februar dabei. Foto: Maresa Jung

„Das brauchen wir jetzt!“

22.05.2018 • Aktuelles, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Rosenheimer Mädchenrealschule erwirbt „Schule mit Courage“-Plakette

Über 25 Jahre zurück liegen die Wurzeln des „Aktion Courage e.V.“, der 1992 als Reaktion auf die ausländerfeindlichen Ausschreitungen, Anschläge und Morde in Mölln, Solingen, Hoyerswerda oder Rostock gegründet wurde. Entstanden ist daraus unter anderem das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, bei dem neben zahlreichen anderen Schulen aus der Region, die bereits teilnehmen, bald auch die Rosenheimer Mädchenrealschule mitwirkt. Die Bedingungen dafür wurden bereits erfüllt.

Die Ethikklassen der 10. Jahrgangsstufe der Schule, die auch Unesco-Projektschule ist, organisierten eine Lichterkette gegen Rassismus und Intoleranz, die dann auch erfolgreich im Februar auf dem Max-Josefs-Platz stattfand. Mehr als 200 Teilnehmer kamen zusammen, um bei winterlichen Temperaturen für ihre Überzeugungen einzustehen. Im Rahmen der Vorbereitung dazu erfuhren die beiden Schülerinnen Malena Conesa und Ina Kessler von dem Projekt „Schule mit Courage“. „,Das brauchen wir jetzt‘, war unser Gedanke“, erzählt Ina Kessler. So machten sich die beiden 15-Jährigen mit Unterstützung ihrer Lehrerinnen Sibylle Beaumont und Claudia Thieltges daran, herauszufinden, was die Bedingungen für eine Aufnahme in der Kreis der beteiligten Schulen seien. Wobei die Lehrerinnen klarstellen: „Eigentlich haben die beiden das fast alleine auf die Beine gestellt.“ Tipps bekamen sie dabei auch vom benachbarten Karolinen Gymnasium, das bereits eine „Schule mit Courage“ ist. Ihre Beweggründe schildern Ina und Malena so: „Wir wollen ein Zeichen setzen und auch ein Vorbild sein für jüngere Schüler“. Bei beiden liegt der Gedanke, sich um Schwächere und Ausgegrenzte zu kümmern, schon in der Familie. „Meine Mutter arbeitet mit Flüchtlingen, mein Vater ist sehr geschichtsinteressiert“, erzählt Ina Kessler, und Malena Conesa wurde von ihrer Schwester inspiriert: „Sie nahm mich schon früh auf Demos mit, sodass ich mich auch schon lange für Politik und Geschichte interessiere.

Mindestens 70 Prozent der Schüler, Lehrer und auch des Schulpersonals müssen auf einer Liste unterschreiben, hinter dem Selbstverständnis einer „Schule mit Courage“ zu stehen. Es besteht aus den folgenden drei Punkten: 1. „Ich werde mich dafür einsetzen, dass es zu einer zentralen Aufgabe meiner Schule wird, nachhaltige und langfristige Projekte, Aktivitäten und Initiativen zu entwickeln, um Diskriminierungen, insbesondere Rassismus, zu überwinden.“ 2. „Wenn an meiner Schule Gewalt, diskriminierende Äußerungen oder Handlungen ausgeübt werden, wende ich mich dagegen und setze mich dafür ein, dass wir in einer offenen Auseinandersetzung mit diesem Problem gemeinsame Wege finden, zukünftig einander zu achten.“ 3. „Ich setze mich dafür ein, dass an meiner Schule einmal pro Jahr ein Projekt zum Thema Diskriminierungen durchgeführt wird, um langfristig gegen jegliche Form von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, vorzugehen.“

„Es war relativ leicht, die Unterschriften zu bekommen. Die Bereitschaft war sehr groß“, berichten die Mädchen. Damit die Aktion auch für die Schülerinnen und Schüler der unteren Jahrgangsstufen verständlich erklärt wird, gestalteten die Initiatorinnen eigens Plakate, die in der Schule ausgehängt wurden.
Die Unterschriftenliste ist dann beim Verein „Aktion Courage e.V.“ einzureichen.

Der nächste Schritt ist das Finden einer Patin oder eines Paten für das Projekt. Bundesweit engagieren sich zahlreiche prominente Persönlichkeiten als Paten für Schulen in ihrer Region. Ina Kessler und Malena Conesa kam der Zufall zuhilfe: Dr. Thomas Nowotny organisierte für die Schule einen Vortrag von Maximilian Strnad über die Deportation von Juden aus Oberbayern während des Naziregimes. Am Rande dieses Vortrags fassten die beiden Schülerinnen Mut und sprachen Nowotny auf eine Patenschaft an.

Thomas Nowotny musste für seine Zusage nicht lange überlegen: „Ich habe mich sehr gefreut und sofort zugesagt, als mich Schülerinnen der Städtischen Realschule für Mädchen fragten, ob ich Pate ihrer Teilnahme am Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ werden will. Von ihrem Engagement wusste ich schon: Am 22. Februar hatte ich an der Lichterkette gegen Rassismus am Max-Josefs-Platz teilgenommen, zu der die 10. Klassen der Schule aufgerufen hatten. Trotz der Eiseskälte war der Abend sehr herzerwärmend.

Als Sprecher der Initiative Erinnerungskultur – Stolpersteine für Rosenheim hatte ich gemeinsam mit dem Historischen Verein im April einen Vortrag zur Judenverfolgung in Oberbayern organisiert. Engagierte Lehrerinnen und Lehrer halten an der Schule seit langem die Erinnerung an Elisabeth Block wach – eine jüdische Mitschülerin, die 1942 mit ihrer Familie nach Polen deportiert und ermordet wurde. Jetzt hat die Schule die Patenschaft für einen Stolperstein übernommen, der am 16. Juli in Niedernburg vor ihrem ehemaligen Wohnhaus verlegt wird.

Rassismus ist verletzend und tödlich – damals wie heute. Gut zu wissen, dass so viele junge Menschen sich gegen Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit bei uns einsetzen. Und schön, dabei mitzuhelfen.“

Nachdem der Pate gefunden war, stand der Anerkennung als „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ nichts mehr im Wege.
Alle Unterlagen sind beim Verein und die Zusage gibt es schon. Noch steht der Termin nicht, es wird irgendwann im Sommer sein. Die beiden engagierten Mädchen hoffen, dass es noch vor den Sommerferien sein wird, denn beide werden die Schule heuer abschließen. Aber: „Dafür würden wir natürlich auch so gerne nochmal in die Schule kommen“, sind sie sich einig. Mit ihrem Schulabschluss ist das Projekt noch lange nicht beendet. Zur „Schule mit Courage“ gehört auch, jährlich ein Projekt vorzuweisen, das sich gegen Diskriminierung wendet. Dabei schwebt ihnen vor, die erfolgreiche Lichterkette vom Februar als jährlich wiederkehrende Veranstaltung zu installieren: „Aber vielleicht nicht im Februar, sondern wenn es ein bischen wärmer ist“. Das wird dann die Aufgabe der Nachfolgerinnen von Ina und Malena sein, die das Projekt weiterführen werden.  Nusser

 

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