Ein Baum in Windshausen

13.08.2019 • Aktuelles, Nachrichten, Stadt Rosenheim

Mit dem Tod geht die Liebe nicht zu Ende

Für viele Jahre war ein Baum in Windshausen der Ankerpunkt für Horst und Rosina Baur. Hierher kamen sie fast täglich, unterhielten sich und genossen den Ausblick. Öfters schauten auch die Windshausener vorbei, auch der Bürgermeister war darunter, unterhielten sich mit dem Paar und brachten auch mal ein Stück Kuchen mit oder eine Thermoskanne Kaffee.

Doch nun geht das nicht mehr. Denn Rosi Baur ist nun verstorben, kurz nach ihrem 84. Geburtstag und nach einem ungeheuren Leidensweg. Vor 19 Jahren brach die große Liebe von Horst Baur bei einer    Tandemtour zusammen. „Hirnblutung“, war die Diagnose. Die Folge: Rosi Baur war an den Rollstuhl gefesselt, konnte sich nur noch schwer verständlich machen. Mit das schlimmste an dieser neuen Situation: Die Reisefreudigkeit des Paars, das zuvor gemeinsam die Natur in zahllosen Ausflügen und Reisen zu Fuß und mit dem Fahrrad immer wieder neu entdecken konnte, war auf einen Schlag eingeschränkt. Rosi Baur konnte nicht mehr selbst gehen und fahren. Was tun? Horst Baur, nicht wenigen Rosenheimern auch als Künstler bekannt, gab nicht auf und machte ein Fahrrad ausfindig, an dessen Vorderachse ein Rollstuhl montiert werden konnte. Nun fing der tägliche Rhythmus im Einklang der Natur wieder an. Horst Baur fuhr und schob seine Rosi zu den – nun zwangsläufig nicht mehr ganz so weit entfernten – schönen Ecken. Dort genossen sie das Leben, so gut es mit den vielen Einschränkungen ging. Und der Baum in Windshausen begann, eine so große Rolle zu spielen.

Doch Windshausen war nicht das einzige Ziel der beiden Natur- und Bergliebhaber. Mit einer unglaublichen Kraft, die man dem eher schmächtigen, aber ungemein drahtigen Horst Baur auf den ersten Blick nicht ansehen würde, fuhr und schob er seine Rosi mit dem Rohlstuhl oder mit dem Spezialfahrrad durch die Städte der Region und auf die Berge – und immer wieder zum Baum in Windshausen.

Nach einem weiteren Schlaganfall, den Rosi Baur erlitt, war die Lage beim Ehepaar schier aussichtslos, auch das Spezialrad ging kaputt. Hilfe und Unterstützung erfuhren sie im Pflegeheim in Rosenheim-Küpferling. Die Pflege zuhause, die er beinahe 20 Jahre lang übernommen gehabt hatte, war für Horst Baur alleine nicht mehr zu leisten. In Küpferling wurde nicht nur Rosi Baur mit offenen Armen aufgenommen, auch ihr Ehemann war mehr als willkommen. Er war jeden Tag der erste, der kam und der letzte, der ging und begleitete seine Frau durch den Alltag, vom Frühstück bis zum Schlafen gehen.

Bald hingen auch etliche seiner farbkräftigen, ausdrucksvollen Bilder in den Fluren und Zimmern des Pflegeheims, die sich oft mit dem Thema „Rosenheim“ befassen und in einer ganz eigenen Collage-Technik entstehen. Seine Bilder sind der Ausgleich für einen oft sorgenvollen Alltag. „Hier male ich mir das Hirn frei, das brauche ich“, meint er zu seiner Kunst. Signiert hat er praktisch alle seine Bilder mit „R. und H. Baur“, denn seine Inspiration war auch seine Frau.
Der hohe Beliebtheitsgrad bei den Mitarbeitern des Pflegeteams bis hin zu Leitung ist gut zu erklären mit Horst Baurs Mischung aus Bescheidenheit, Demut und Großzügigkeit – und mit der großen Hingabe, mit der er für seine Rosi Tag und Nacht da war.

Auf seine Initiative erscheint auch dieser Artikel. Nicht, weil er sich in den Vordergrund stellen möchte, sondern weil es ihm so wichtig ist, dass die Leute, die seine Rosi und ihn so tatkräftig unterstützt haben, auch öffentlich einen Dank erhalten. Das übernehmen wir gerne für ihn und übermitteln seinen ganz besonderen Dank an die zweite Betreuerin neben ihm selbst, Christa Ziegler, den Chef des Seniorenheims in Küpferling, Andreas Girdt, Wohnbereichsleiterin Martina Czerny und all den anderen Mitarbeitern im Heim.
Der Einzug in das Küpferlinger Seniorenheim war für ihn auch eine große Entlastung: „Endlich, nach fast 20 Jahren, kann ich nun ruhig durchschlafen, weil ich weiß, meiner Rosi geht es gut.“

Auch für das kaputte Fahrrad gab es eine Lösung. Die Fachstelle für pflegende Angehörige des Caritas-Zentrums Rosenheim konnte ein „Rollstuhlfahrrad“ organisieren. Der Clou dabei: Es verfügte über einen Elektromotor, der die Steigungen erheblich einfacher bewältigen ließ. Manwürde es nicht glauben, wenn man ihn sieht und mit ihm spricht, aber Horst Baur ist selbst schon 80 Jahre alt. So ging es weiter mit den beiden, über Stock und Stein, durch Täler auf die Höhen und wieder retour, mit dem Pflegeheim als Basisstation.

Am 10. Juli feierte man hier noch gemeinsam den 60. Hochzeitstag des Ehepaars. Nur neun Tage später verstarb Rosina Baur im Alter von 84 Jahren. Zurück bleibt ein Horst Baur, der seine große Liebe verloren hat, die eine so große Lücke in seinem Leben hinterlässt. Oder doch nicht ganz: Denn so oft es nur geht, fährt er zum Baum nach Windshausen. Dort setzt er sich hin und ist wieder mit der Rosi zusammen. Und berichtet ihr und hört ihr zu.  nu

 

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